14.10.09 | 16:48 Uhr | Unter Menschen

Schreiben, Erinnern

Einen Menschen gibt es oft mehrmals. Neben die Schriftstellerin Herta Müller zum Beispiel ist gerade die Nobelpreisträgerin Herta Müller getreten. Als das Programm der Buchmesse geplant worden war, hatte damit noch niemand gerechnet. Also hatte man die Schriftstellerin an den schmalen ARTE-Stand im Gang neben der Halle 3 geladen, und als jetzt nicht nur die Schriftstellerin, sondern auch die Nobelpreisträgerin kam, wurde es eng.

Damit alle etwas sehen konnten, wurde die Veranstaltung auf mehrere Bildschirme übertragen. So gab es Herta Müller jetzt noch ein drittes Mal, als Fernsehfigur. Felicitas von Lovenberg, die FAZ-Literaturchefin, sprach mit ihr über “Schreiben und Erinnern” und natürlich über den Roman “Die Atemschaukel”. Herta Müller erzählt darin die Geschichte ihres Freundes und Kollegen, des Dichters Oskar Pastior, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Rumäniendeutscher in ein sowjetisches Arbeitslager deportiert worden war. Herta Müller und Oskar Pastior haben zunächst gemeinsam an diesem Buch gearbeitet. Sie hätten sich Zeit gelassen, sagt Herta Müller, deren Mutter ebenfalls in einem Lager war: “Wir haben gedacht, irgendwie kriegen wir das schon auf die Reihe.”

Während des Gesprächs zeigte ein weiterer Bildschirm im Hintergrund Fotos von einer gemeinsamen “Grenzgänger”-Recherchereise in die Ukraine, bei der sie die Überreste des Lagers und der daneben gelegene Koksfabrik besichtigt haben. Oskar Pastior läuft über das Industriegelände, deutet auf verfallene Gebäude. Auch ihn gibt es plötzlich mehrmals, als Dichter, als Zeitzeugen, als Romanfigur.

Es gibt ihn, es gab ihn. Oskar Pastior starb vor drei Jahren, am 4. Oktober 2006, in Frankfurt, während der Buchmesse, im Haus eines Freundes. Daran, sagt Herta Müller, müsse sie zur Zeit immer wieder denken. Sie hält einen Moment inne, sagt nichts mehr. Herta Müller weint. Plötzlich ist sie nur noch eine einzige Person. Aus der Nobelpreisträgerin, aus der Schriftstellerin, aus dem Gesicht, das man neuerdings aus dem Fernsehen kennt, ist ein unendlich trauriger Mensch geworden.

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