14.10.09 | 11:57 Uhr | Unter Menschen

Tanzen lernen

Beinahe hätte Marcel Beyer in Shanghai getanzt. Im Frühjahr diesen Jahres war er gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Schriftstellern, Übersetzern und Journalisten aus Deutschland und der Schweiz nach China gereist. Die ersten Tage nach der Ankunft verbrachten sie in Shanghai, und Marcel Beyer machte jeden Morgen einen Spaziergang durch den Park, der gleich neben dem Gästehaus der Universität lag. Schließlich sprach ihn ein junger Mann an. Es war ein Tanzlehrer, der sich auf europäische Gesellschaftstänze spezialisiert hatte, und der jetzt die Gelegenheit nutzte, sich mit einem Menschen zu unterhalten, für den Walzer und Foxtrott keine exotischen Vergnügen, sondern eigentlich Alltag sein müssten. Einen kurzen Moment lang habe er überlegt, dem chinesischen Tanzlehrers einen Gefallen zu tun und seinem Kurs einen werbewirksamen Besuch abzustatten, erzählte Marcel Beyer: “Wenn sogar die Europäer hier tanzen lernen…”

Die Anekdote kam bei einem Gespräch zwischen Beyer, seinem Schweizer Schriftstellerkollegen Rolf Lappert und dem Literaturkritiker Jörg Magenau zur Sprache. Die drei waren zusammen in China gewesen, im Rahmen des Programms “wOrtwechsel”, und in der kleinen Geschichte von dem Tanzlehrer spiegeln sich viele ihrer Erfahrungen wieder: das Gefühl, in China plötzlich nicht einfach nur als “Ausländer”, sondern als “Fremder” und “Exot” wahrgenommen zu werden, aber auch die Überraschung über das manchmal recht spezielle Interesse an der europäischen und deutschen Kultur. Wer hätte gedacht, dass man sich in China ausgerechnet für den in Deutschland etwas aus der Mode gekommenen Paartanz interessiert? Von China lernen, heißt Tanzen lernen.

Im Bereich der Literatur sah das übrigens ganz ähnlich aus. Marcel Beyer und Rolf Lappert trafen immer wieder auf chinesische Germanistik-Studenten und -Studentinnen, die nur wenig von der deutschen Gegenwartsliteratur gehört hatten, dafür aber über Goethe, Schiller und Kleist deutlich mehr wussten als die beiden angereisten Schriftsteller.

Von China lernen, heißt Lesen lernen. Das ist doch eine schöne Vorstellung, auch für einen kulturkonservativen Blogger: Vielleicht bewahren chinesische Studenten für uns etwas von dem Wissen auf, das uns gerade verloren geht. Wir können es bestimmt noch einmal gebrauchen.

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