15.10.09 | 16:03 Uhr | Unter Menschen

Der Tod lernt fliegen

Am Stand von ARTE geht es heute nachmittag gleich mit einem Gedicht los. Zuerst auf Chinesisch, dann auf Deutsch:

“Zahllos die Wunder, die wir schauen.
Der Mond und zuckende Blitze
erhellen Fische und Algen im Fluss.
Am Ufer fliegen Vögel auf und nieder,
tragen Lehm und Zweige fort.
Die frische Luft, das Leben und der Tod.
Um uns.”

Die Zeilen stammen von dem chinesischen Schriftsteller Xiao Kaiyu, Jahrgang 1960. Er ist aus Shanghai nach Frankfurt gekommen, um bei der Präsentation des Hörbuchs “Schmetterlinge auf der Windschutzscheibe” (Fly Fast Records) dabei zu sein – einer liebevoll zusammengestellten Anthologie die einen Überblick über die chinesische Lyrik der letzten 20 Jahre bietet.

Der letzten 20 Jahre, das heißt: aus der Zeit seit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989. Dieses “traumatische Ereignis”, erklärt der Übersetzer Marc Hermann, habe die Lyrik in China entscheidend verändern. Nach den “Hermetikern” der siebziger und achtziger Jahre, die hoch artifizielle und kaum noch zu entschlüsselnde Gedichte geschrieben hätten, würden nun die “Post-Hermetiker” den Ton bestimmen. “Post-Hermetiker”, das klingt komplizierterer, als es ist: Zunächst einmal ist einfach nur eine jüngere Generation von Dichtern dabei, den Alltag zu entdecken und in einer neuen, einfachen und fast schlichten Sprache davon zu erzählen.

“Ich habe das Gefühl, eine Horde von Menschen zu sein.
Auf der Fußgängerüberführung des alten Nordbahnhofs erhebt sich in meinem Körper
ein Stimmengewirr sich streitender und diskutierender Menschen.
Rauchend betrachte ich die Bahnhofsruinen.”

Noch einmal Xiao Kaiyu: Es ist Alltag, der hier beschrieben wird, aber es ist ein zerstörter Alltag, in dem die Menschen wie Untote durch die Überreste einer längst vergangenen Zivilisation streifen. Die Dichter seiner Generation hätten sich im Gegensatz zu ihren Vorgängern viel stärker von der westlichen Literatur inspirieren lassen, sagt Xioa Kaiyu. In der traditionellen chinesischen Lyrik habe man durchaus von den “Sorgen” und “Nöten” der Menschen erzählt, doch von Autoren wie Ezra Pound und T.S. Eliot habe man gelernt, auch vom “Schmerz” zu berichten.

“Schmetterlinge auf der Windschutzscheibe” erzählt von dieser kulturellen Übersetzungsleistung: Die künstlerische Moderne – für deren Errungenschaft sich in Europa eigentlich niemand mehr so richtig interessiert – wird in der neuen chinesischen Lyrik noch einmal auf ihre Brauchbarkeit abgeklopft. So manches schwere Zeichen wird dann plötzlich so leicht wie ein Schmetterling, der mit jedem Flügelschlag dem Tod ein Stückchen näher kommt. Dem Tod oder gleich dem Massenmord? Es ist ein seltsam poetisches Gemetzel, das der Dichter Xi Chuan in dem Titelgedicht des Hörbuchs beschrieben hat:

“Kaum auf die Autobahn gefahren, begehe ich ein Massaker an den Schmetterlingen; oder diese stürzen sich, kaum sehen sie mich kommen, aus freien Stücken in den Tod. Sie zerschmettern an der Windschutzscheibe. Ausgerechnet an meiner Windschutzscheibe.”

3 Kommentare zu “Der Tod lernt fliegen”

  1. [...] Han Dong, Jahrgang 1961, in: “Schmetterlinge auf der Windschutzscheibe” [...]

  2. [...] chinesische Gegenwartslyrik. Das Hörbuch “Schmetterlinge auf der Windschutzscheibe” (wir berichteten) wurde gleich an drei verschiedenen Tagen auf der Messe vorgestellt, zum letzten Mal vor ein paar [...]

  3. [...] Yan Jun, Jahrgang 1973, in: “Schmetterlinge auf der Windschutzscheibe” [...]

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