15.10.09 | 08:30 Uhr | Unter Menschen

Sturm und Drang

Pascal Paul-Harang ist nicht einfach nur ein Übersetzer. Er ist ein Mann mit einer Mission. Er will seinen Landsleuten, den Franzosen, die deutsche Kultur nĂ€her bringen. Darum ĂŒberlegt er sich genau, was er ĂŒbersetzen will. Den jungen Goethe zum Beispiel, weil er glaubt, dass die “leichte und tĂ€nzerische” Sprache des Sturm und Drang in Frankreich viel zu wenig bekannt ist. Oder “Wir im Finale”, ein TheaterstĂŒck von Marc Becker, Jahrgang 1969, in dem es um den Fußball geht.

Ein ziemlich deutsches Thema, möchte man meinen. Aber das findet Pascal Paul-Harang gar nicht. In Nichts seien die Deutschen und Franzosen sich nĂ€her als in ihrer Begeisterung fĂŒr den Fußball, erklĂ€rte er gestern auf der Buchmesse bei einer Veranstaltung der DVA-Stiftung, die seine Arbeit gerade zum zweiten Mal mit einem Stipendium unterstĂŒtzt hat. Und auch die AbgrĂŒnde seien die gleichen, fĂ€hrt er fort. Chauvinismus, Patriotismus und Nationalismus, das seien die dĂŒsteren DĂ€monen, die den Fußball in Frankreich genauso begleiteten wie in Deutschland.

Davon, meint Pascal Paul-Harang, wollen die Franzosen allerdings nichts wissen, und darum hat er jetzt das StĂŒck von Marc Becker fĂŒr sie ĂŒbersetzt. Er hat dabei nicht einfach nur Satz fĂŒr Satz aus dem Deutschen ins Französische ĂŒbertragen, sondern auch den kulturellen Bezugsrahmen verĂ€ndert. Die französischen Theaterbesucher, findet Pascal Paul-Harang, sollen sich nicht darauf herausreden können, dass die gesellschaftlichen AbgrĂŒnde des Fußball-Wahns allein ein Problem der Deutschen seien. Also hat er den Spielern, die in dem StĂŒck genannt werden, französisch klingende Namen gegeben – bzw. nordafrikanische Namen, denn ein großer Teil der Fußball-Profis in Frankreich kommt inzwischen aus Einwandererfamilien.

Außerdem hat er das Motto des StĂŒcks geĂ€ndert. Marc Becker hatte seinem Text ein Zitat von Adolf Hitler vorangestellt: “Die Welt ist ein Wanderpokal.” Botschaft verstanden? Botschaft verstanden. Pascal Paul-Harang hat fĂŒr die französische Version des StĂŒcks ein paar sehr viel subtilere SĂ€tze aus einer zeitgenössischen Radioreportage gewĂ€hlt. Allein dafĂŒr mĂŒsste er eigentlich den einen oder anderen Übersetzer-Preis bekommen. (Am besten einen Übersetzungs-und-Verbesserungs-Preis, falls es so etwas gibt.) Die Stelle geht so. Als Frankreich bei der WM im Jahre 1998 im Finale das entscheidende Tor schoss, rief der ĂŒberglĂŒckliche Kommentator ins Mikrofon:  “Es stimmt, es ist sicher, es ist offiziell: Wir sind Weltmeister. Jetzt kann uns nichts mehr passieren!”

Pascal Paul-Harang ruft die SĂ€tze sehr laut (und auf Französisch) ins Mikrofon, und fĂŒr einen kurzen Moment ist es in der Halle 5 ganz leise, und alle Köpfe wenden sich in Richtung des Übersetzerforums. Pascal Paul-Harang lĂ€chelt: “Jetzt haben wir ein bisschen mehr Aufmerksamkeit.” Mission completed.

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