16.10.09 | 18:28 Uhr | Unter Menschen

Arbeit am Mythos

Was ändert sich, wenn ein Land auf der Buchmesse so prominent vorgestellt wird jetzt gerade China?  Um diese Frage ging es heute nachmittag am ARTE-Stand, und zwar am Beispiel der Türkei, die im letzten Jahr Gastland war.

Müge Sökmen vom Metis-Verlag verpackte ihre Antwort in eine kleine Geschichte. Als sie in den achtziger Jahren in Deutschland studiert habe, sei ihr bei der Einreise am Frankfurter Flughafen jedes Mal die gleiche Frage von den hessischen Zollbeamten gestellt worden: “Haschisch? Teppisch?” Später versuchte sie dann die Romane türkischer Autoren an deutsche Verlage zu vermitteln, und dabei provozierte sie eine ähnliche Reaktion.

Die Verleger und Lektoren hatten eine ganz bestimmte Vorstellung davon, welche Art von Literatur sie wollten. Es musste nicht unbedingt um “Haschisch” oder “Teppische” gehen, aber es sollte unbedingt ein gewalttätiger anatolischer Ehemann vorkommen, der seine Frau schlägt. Alles andere sei ihren Gesprächspartnern “zu modern” und “zu westlich” gewesen.

Das, sagte Müge Sökmen, habe sich nun erfreulicherweise geändert. Die Einladung als Gastland zur Frankfurter Buchmesse habe dazu geführt, dass man in Deutschland und auch in anderen Ländern ein Gefühl für Reichhaltigkeit der türkischen Literatur bekommen habe.

Müge Sökmen ist übrigens nicht die einzige Vertreterin des türkischen Literaturbetriebs mit einem angenehm trockenen Humor. Neben ihr saß am ARTE-Stand die junge Literaturagentin Nermin Mollaoğlu. Als Moderatorin Sibylle Thelen sie fragte, wie es ihr gelungen sei, im vergangenen Jahr sage und schreibe 152 türkische Titel ins Ausland zu verkaufen, antwortete Nermin Mollaoğluin schönstem Englisch und mit nur zwei Worten: “I worked.”

Ein Kommentar zu “Arbeit am Mythos”

  1. [...] Interesse jedes Mal deutlich nach”, erklärte er gestern während der Diskussionsrunde zum “Gastland Türkei”, beruhigte aber die anwesenden Buchhändler und Verleger. Auf lange Sicht werde es dann deutlich [...]

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