16.10.09 | 14:23 Uhr | Unter Menschen

Die Politik des Übersetzens

Auch Ulrich Kautz hat in einem Land gelebt, in dem es eine staatliche Zensur gab. Er ist in der DDR aufgewachsen, hat 1961 in Leipzig sein Diplom als Übersetzer für Englisch und Chinesisch gemacht und anschließend in der DDR-Botschaft in Peking als Dolmetscher gearbeitet. Später übersetzte er dann für die Handelsvertretung seines Landes in China, um 1976 schließlich in seine Heimat zurückzukehren und in Ost-Berlin an der Humboldt-Universität zu unterrichten.

Heute gehört Ulrich Kautz zu den bekanntesten Chinesisch-Übersetzern in Deutschland. Unter anderem hat er gerade Yu Huas 900-Seiten-Roman “Brüder” übersetzt. Auf der Buchmesse erzählte er von seiner Arbeit – und machte dabei auch seinem Unmut über die politische Verzerrung des literarischen Marktes Luft.

Deutsche Verlage, erklärte Ulrich Kautz, würden sich nämlich leider in erster Linie für die Bücher von chinesischen Schriftstellern interessieren, die im Ruf der Dissidenz stünden. So würden die Zensurmaßen durch die chinesischen Behörden leider auch dazu führen, dass literarisch wenig interessante Bücher plötzlich – nur weil sie in ihrem Herkunftsland verboten seien –  ins Deutsche übersetzt würden. Das ärgert Ulrich Kautz, und noch mehr ärgert ihn, dass anderen Autoren, denen eine gewisse “Staatsnähe” unterstellt werde, nicht einmal in die engere Auswahl für eine Übersetzung kämen.

Ein bisschen zynisch ist das schon: Dissidenz als Alleinstellungsmerkmal auf dem Buchmarkt – auch davon reden wir, wenn wir hier in Deutschland von “Weltliteratur” reden. Was wir zur Zeit ja recht häufig tun.

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