16.10.09 | 11:50 Uhr | Unter Menschen

Radikal Nr. 48

Im Übersetzerforum ist eine kleine Ecke abgetrennt worden, mit einem Schreibtisch, zwei Computerbildschirmen und ein paar Sitzhockern. Das ist mein Lieblingsstand auf der Messe: Hier kann man Übersetzern und Übersetzerinnen bei der Arbeit zusehen.

Gerade habe ich dort Karin Betz besucht, die gerade erst Mo Yans Roman “Die Sandelholzstrafe” aus dem Chinesischen ins Deutsche übertragen hat. Jetzt sitzt sie an einer Kurzgeschichte des gleichen Autors. Sie heißt “Die Baustelle”, spielt in den siebziger Jahren und beginnt mit einer Gruppe von Straßenarbeitern, die eine Schar von Kindern auf dem Weg zu einer politischen Kundgebung beobachten. Die Kinder laufen einen Berg herunter, und wie sie das genau machen, na, ja: Das ist eben eine der Fragen, die Frau Betz beantworten muss.

Zeit für eine kleine Lektion im Lexikongebrauch. Das Schriftzeichen, mit dem der Vorgang genauer beschrieben wird, ist für mich auf den ersten Blick eine scheinbar willkürliche Ansammlung von horizontalen und vertikalen Linien: 推

Wichtig ist zunächst einmal der linke Teil des Zeichens, erklärt mir Frau Betz. Es ist eine eine senkrechte Linie mit drei Strichen:扌Das ist eins von 214 so genannten Radikalen, den Grundbausteinen der chinesischen Schriftzeichen. Frau Betz – jetzt ganz strenge Lehrerin – reicht mir das Lexikon. Ich finde “mein” Radikal in der Liste ganz am Anfang des Wörterbuchs unter der Nummer 48. Es hat die Bedeutung “Hand”, aber Frau Betz winkt ab. Damit kommt man nicht weiter.

Also noch einmal blättern, die nächste Liste suchen, jetzt mit sämtlichen Kombinationen, in denen das Radikal Nummer 48 vorkommt. Und tatsächlich, das Schriftzeichen aus Mo Yans Text ist dabei. Daneben steht eine Seitenzahl: 1055. Und dort, auf Seite 1055 des Wörterbuchs, stoße ich endlich auf einen ausführlichen Eintrag. Das Schriftzeichen, das den Namen “tui” trägt, kann die Bedeutung “Stoß” oder “Schubs” haben, aber auch “schieben”, “stoßen” oder “schubsen” heißen. Im Text wird das Zeichen verdoppelt – ein Hinweis darauf, dass es hier als Verb benutzt wird. Das wäre also geklärt.

Doch wie kommen die Kinder nun den Berg herunter? “Schubsend”? “Schiebend”? Oder gar “schubsend und schiebend”? Frau Betz entscheidet sich für “drängelnd”. Das steht nicht im Lexikon, aber es passt besser zu einer Gruppe von jungen Revolutionären im Grundschulalter, die mit erhitzen Köpfen einer roten Fahne hinterherstürzen.

Jetzt muss sie sich nur noch überlegen, ob der deutsche Text im Präsens oder im Präteritum stehen soll. Die chinesische Sprache macht da nämlich keinen Unterschied.

Das wird hier heute noch richtig schwierig.

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