16.10.09 | 08:21 Uhr | Unter Menschen

Von Katzen und anderen Übersetzern

Es ist ein altes Kinderbuch: “Die Katze, die alle Sprachen konnte”, von Friedrich Feld, einem österreichischen Schriftsteller, der 1987 verstorben ist. Die Übersetzerin Esther Kinsky, die gestern abend auf der Buchmesse vom Deutschen Literaturfonds mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet worden war, soll als Kind in diesem Buch gelesen haben. Das erzählte die Publizistin Marie-Luise Knott in ihrer Laudatio, so, als ob damit eigentlich alles erklärt sei. Aber manchmal ist man ja ganz froh, wenn ein Wunder in eine Anekdote gefasst wird. Besonders nach einem langen Tag auf der Buchmesse.

Esther Kinsky spricht natürlich nicht alle Sprachen, aber sie übersetzt doch aus einigen, aus dem Englischen, aus dem Russischen und aus dem Polnischen. Den Paul-Celan-Preis bekommt sie für die deutsche Fassung von “Unrast”, einem Roman der polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk. Marie-Luise Knott lobte dann allerdings nicht nur die Übersetzerin, sondern auch die Sprachpflegerin Esther Kinsky – und zwar am Beispiel des Titels des Romans.

Im polnischen Original heißt das Buch “Bieguni”, nach der fiktiven Sekte, um die es unter anderem in diesem Buch geht. Hinter den Bieguni verbergen sich die modernen Nomaden, die Menschen also, die immer in Bewegung sind, von Ort zu Ort ziehen, von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz, und mehr Zeit am Flughafen (oder in Messehallen) verbringen als in ihrer eigenen Wohnung.

Im Polnischen klingt in der Phantasiebezeichnung dieser Sekte das Verb “biegać” mit, das “Laufen” oder “Rennen” heißt und auch das unselige “Joggen” bezeichnet. Esther Kinksky hat sich nun entschlossen, dem Roman im Deutschen nicht den Titel “Die Läufer” zu geben oder etwas ähnliches zu wählen. Stattdessen hat sie sich für das schöne Wort “Unrast” entschieden, obwohl es seit längerem aus der Mode gekommen ist. Aber der alte Begriff drückt eben sehr genau den “rastlosen” Zustand aus, in dem sich ein großer Teil der modernen Menschen befindet. Es steht für mehr als nur “Nervosität” oder “Unruhe”. Unrast, das ist ein Lebensgefühl, eine Philosophie, vielleicht auch ein Verhängnis. Und das ist es, was Schriftsteller und Übersetzer im besten Fall gemeinsam leisten. Sie verwandeln ein Stück unserer manchmal schwer zu verstehenden Welt in Worte.

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