17.10.09 | 20:26 Uhr | Unter Menschen

Die Bedürfnisse der Werktätigen

Es stellen sich eine Menge Probleme, wenn man chinesische Literatur ins Deutsche übersetzt. Zhang Zhenhuang, ein Germanist, der in China aufgewachsen ist und heute an der Universität in Mainz unterrichtet, steuerte bei einer Diskussion im Übersetzerforum ein besonders hübsches Beispiel bei.

In einem der neueren chinesischen Romane – den Titel nannte er leider nicht –  geht es um eine Firma, die Pornofilme produziert und vertreibt. “Auch die Werktätigen haben ihre Bedürfnisse”, wehrt einer der Beteiligten die Kritik an dem vermeintlich unmoralischen Geschäft ab. In China erkenne jeder Leser sofort das Mao-Zitat, das sich in diesem Satz verstecke, meinte  Zhang Zhenhuang, einem deutschen Leser müsse man es dagegen mit einem kleinen Einschub erklären: ein Plädoyer dafür, die philologische Genauigkeit auch einmal beiseite zu lassen, um eine gute Pointe in die Zielsprache zu retten.

Gerne würde man wissen, was Herr Zhang darüber denkt, dass es in Deutschland, genauer gesagt, in Westdeutschland, eine gar nicht so ganz kleine Zahl von Menschen gibt, die in den siebziger Jahren in so genannten K-Gruppen und anderen maoistischen Zirkeln tätig waren und die Sprüche des Großen Vorsitzenden bis heute auswendig können. So weit sind wir von China eigentlich gar nicht entfernt.

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