17.10.09 | 09:03 Uhr | Unter Menschen

“In Deutschland ist das anders, Papa”

Der Adelbert-von-Chamisso-Preis ist ein ganz besonderer Literaturpreis. Er wird von der Robert-Bosch-Stiftung an Autoren und Autorinnen vergeben, die auf Deutsch schreiben, obwohl Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Zu den Preistr√§gern geh√∂ren unter anderem Zafer Ňěenocak, Ilija Trojanow oder Artur Becker, aber auch die beiden Schriftstellerinnen Que Du Luu und Luo Lingyuan, die im Jahr 2007 mit den F√∂rderpreisen ausgezeichnet worden sind. Sie sind jetzt noch einmal nach Frankfurt gekommen, um hier zu lesen.

Beide Frauen haben chinesische Wurzeln. Luo Lingyuan, Jahrgang 1963, ist in China aufgewachsen, hat dort Journalismus und Computerwissenschaften studiert und ist im Jahre 1990 nach Deutschland ausgewandert. Ihr letzter, ziemlich komischer Roman hei√üt “Wie eine Chinesin schwanger wird”. Er erz√§hlt von einer jungen Chinesin, die in Deutschland lebt und ihren deutschen Freund mit auf eine Reise in ihr Heimatland nimmt, um ihn dort ihren Eltern vorzustellen. Es kommt zu einer Reihe von Missverst√§ndnissen, unter anderem √ľberwirft ihr Vater sich umgehend mit dem angehenden Schwiegersohn, weil er sein Gastgeschenk zu mickrig findet. “In Deutschland ist das anders, Papa”, versucht ihm seine Tochter zu erkl√§ren: “Da schenken die Eltern ihren Kindern etwas und nicht umgekehrt.”

Que Du Luu ist Chinesin, ist allerdings im Jahre 1973 in Vietnam geboren. Ihre Eltern geh√∂rten zu den so genannten Boatpeople, die in den siebziger Jahren nach dem Vietnamkrieg aus ihrer Heimat fliehen mussten. Que Du Luu war drei, als sie nach Deutschland kam. Sie hat eine bereits eine ganze Reihe von Erz√§hlungen und Romanen ver√∂ffentlicht. In Frankfurt las sie aus einem unver√∂ffentlichten Manuskript, in dem es um einen Teenager geht, dem seine Eltern er√∂ffnen, dass sie sich scheiden lassen werden. Von “Vietnam” oder “China” keine Spur in dem Text, aber warum sollte es anders sein normal: F√ľr Que Du Luu verbinden sich mit diesen L√§ndern keine eigenen Erinnerungen, sondern allein die Erinnerungen ihrer Eltern.

Und auch Luo Lingyuans Roman ist auf den zweiten Blick ein sehr deutscher Roman: W√§hrend die Protagonistin¬† in China von einem Familienkrach in den n√§chsten geraten, erf√§hrt man eine ganze Menge √ľber die pl√∂tzlich exotisch wirkenden Wertvorstellungen, die sie aus ihrer neuen Heimat mitgebracht hat.

In dieser Hinsicht dokumentiert der Adelbert-von-Chamisso-Preis, der seit 1985 vergeben wird, einen Normalisierungsprozess in Hinblick auf die Autoren und Autorinnen. Vielleicht macht ihn gerade das so besonders: Wer Deutsch schreibt, obwohl Deutsch nicht seine Muttersprache ist, ist eben auch einfach nur ein deutscher Schriftsteller. Aber das Land verändert sich.

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