17.10.09 | 14:30 Uhr | Auf dem Weg

Pekinger Protokolle

Susanne Messmer und ich haben eine Zeitlang gemeinsam fĂĽr die taz gearbeitet. In den letzten Jahren habe ich sie leider kaum noch gesehen. Immer wenn ich mich bei Freunden und Bekannten nach ihr erkundigte, hieĂź es: “Susanne ist gerade in China.”

2004 war sie zum ersten Mal mit einem Stipendium der IJP nach Peking gereist und kam mit dem Material fĂĽr den Dokumentarfilm “Beijing Bubbles” zurĂĽck, in dem sie zusammen mit ihrem Freund George Lindt die Punk-Szene in Chinas Hauptstadt porträtiert hat. Das war nur der Anfang. Sie und George veröffentlichen seitdem auf ihrem Label Fly Fast Records CDs mit chinesischer Punk-, Rock- und Folkmusik, Konzerte organisieren sie auch, und ihre Wohnung im Prenzlauer Berg in Berlin ist mittlerweile zu einer Art ständigen Vertretung der chinesischen Independent-Szene geworden.

Susanne hat darĂĽber hinaus einen literarischen ReisefĂĽhrer ĂĽber Peking geschrieben, auch an dem Hörbuch “Schmetterling auf der Windschutzscheibe” hat sie mitgearbeitet. Und jetzt hat sie darĂĽber hinaus gerade im Verbrecher Verlag das Buch “Chinageschichten” veröffentlicht. Hinter dem schlichten Titel verbergen sich Protokolle von Gesprächen, die Susanne in Peking mit älteren, man muss wohl sagen: mit alten Chinesen gefĂĽhrt hat. Ihre Gesprächspartner sind fast alle um die 80. Viele von ihnen können sich noch an die japanische Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern, sie haben den Beginn von Maos Herrschaft, die Kulturrevolution und die zögerlichen Reformen in den späten siebziger und frĂĽhen achtziger Jahren mitgemacht.

Es sind überraschend offene Antworten, die Susanne bei ihren Recherchen auf ihre Fragen bekommen hat, selbst zu ausgesprochen heiklen Themen wie der durch Maos Wirtschaftspolitik ausgelösten Hungersnot in den fünfziger Jahren, die mehr als 40 Millionen Todesopfer gefordert hat. Warum diese Gesprächsbereitschaft? Susanne erklärt das heute auf der Buchmesse am ARTE-Stand gegenüber dem Literaturkritiker Jörg Magenau so: Ein Buch, das im fernen Deutschland erscheine, interessiere in China vermutlich kaum jemanden.

Das ist nur wirklich sehr bescheiden formuliert. Die eigentlich Antwort auf die Frage lieferte Susanne erst ein paar Sätze später, als es um den Umgang der deutschen Medien mit dem Thema China ging. Die meisten deutschen Journalisten, sagte sie, würden in China und auch hier auf der Buchmesse immer nur die gleichen Themen abfragen – und dabei nur die Antworten hören, die sie ohnehin schon im Kopf hätten. Wirklich neugierig auf China sei eigentlich niemand.

Genau das ist Susanne natürlich. Darum erzählen ihre Gesprächsprotokolle auch mehr über China als die meisten Leitartikel, Reportage und vermeintlichen Hintergrundberichte, die in den letzten Wochen geschrieben worden sind.

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