18.10.09 | 16:38 Uhr | Unter Menschen

Mit leisem Bös

Den Adelbert-von-Chamisso-Preis haben wir schon erwähnt: ein Preis für Autoren, die auf Deutsch schreiben, obwohl Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Mittlerweile wird dieser Preis seit 25 Jahren verliehen. Also feiert er sich jetzt ein bisschen selbst.

Unter anderem ist bei dtv eine Anthologie mit dem Titel “Lichterfeste, Schattenspiele” erschienen, zu der sämtliche Preisträger und Preisträgerinnen eine Geschichte beigesteuert haben. Eigentlich sollten heute zwei von ihnen auf der Buchmesse lesen, Jóse F. A. Olivier und Zehra Çırak. Doch Olivier blieb auf dem Weg durch den Schwarzwald im Stau stecken. So musste Zehra Çırak die Dreiviertelstunde am Stand von ARTE alleine bestreiten. Kein Problem: Zeit für eine ausführliche Lesung, aber auch zu einem Gespräch über ihren Weg zur deutschen Sprache und zur deutschsprachigen Literatur.

Zehra Çırak wurde 1960 in Istanbul geboren und kam im Alter von drei Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland. Früher hätte man ihren Vater einen “Gastarbeiter” und sie ein “Gastarbeiterkind” genannt. Heute gehen einem diese Begriffe nicht mehr ganz so leicht über die Lippen, weil man aus der Distanz doch deutlich erkennen kann, dass die Menschen, die vom deutschen Staat als Arbeitskräfte angeworben wurden, nicht als Gäste, sondern als Fremde behandelt wurden, die man nach getaner Arbeit am liebsten sofort wieder nach Hause geschickt hätte.

Zehra Çırak zog mit ihren Eltern nach Karlsruhe. Sie kam damals gleich in einen Kindergarten und sprach Deutsch bald genauso gut wie Türkisch. Ihre Eltern unterhielten sich allerdings weiterhin lieber in ihrer Heimatsprache, und als Zehra Çırak als Schülerin anfing, ein Tagebuch zu schreiben, schrieb sie es auf Deutsch – damit Mama und Papa nicht lesen konnten, welche Gedanken ihr so durch den Kopf gingen. (Es ging wohl viel um Liebe und so.) Sie ist dann beim Deutschen geblieben und hat mittlerweile ein stattliche Zahl von Gedichtbänden veröffentlicht. Und Mama und Papa können mittlerweile natürlich ebenfalls so gut Deutsch, dass sie darin lesen können.

Zehra Çırak schreibt sehr klare, mit starken Bildern, und sie schreibt – das ist nun wirklich sehr deutsch, da kann man sagen, was man will und sich politisch noch so korrekt geben – einem leichten lutherischen, in jedem Fall altertümlichen Anklang. “Ein herrlich Geräusch” machen die “flatternden Seiten” in einem Gedicht, das sie offenbar extra für Lesungen bei Buchmessen geschrieben hat, und eine der Figuren in der Kurzgeschichte, die sie zu der Chamisso-Anthologie beigesteuert, erzählt von einer in die Jahre gekommenen Sängerin, einer älteren Damen “ohne Arg, aber mit leisem Bös”.

Das “leise Bös” besteht darin, dass die Sängerin ihren jüngeren Liebhabern im Schlafzimmer gerne zärtlich den Hintern versohlt. Kein schlechter Einfall für einen Beitrag in einer Sammlung, die zum Jubiläum des Chamisso-Preises erscheint: ”Wer recht uns peitscht, den lernen wir verehren”, schrieb Adelbert von Chamisso in seinem Gedicht “Sage von Alexandern”.

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