18.10.09 | 12:33 Uhr | Unter Menschen

“Sie müssten einmal nach Balbec reisen!”

Man muss ja beim Small Talk hier auf der Messe immer aufpassen, dass es nicht auffällt: Die meisten Bücher, über die zur Zeit gesprochen wird, hat man noch nicht gelesen hat und viele von ihnen wird man mit Sicherheit auch nie lesen. Spätestens in einem halben Jahr wird in Leipzig ja ohnehin über andere Bücher gesprochen.

Aber gibt natürlich auch die echten, die schmerzlichen Leselücken, über die man nicht einfach hinwegkommt, indem man auf  nächste Shortlist wartet. Eine davon tat sich mir gestern am späten Nachmittag auf. Im Internationalen Forum stellte Katharina Raab vom Suhrkamp Verlag die Anthologie “Odessa Transfer” vor, einen Band mit Texten von Autoren, die aus den Ländern rund um das Schwarze Meer stammen. (Ganz so eng waren die geografischen Kriterien für die Auswahl nicht. So durfte zum Beispiel auch der polnische Autor Andrzej Stasiuk einen Text beisteuern, weil sein Heimatland im 16. Jahrhundert durch die Union mit dem damaligen Großfürstentum Litauen eine Zeitlang ebenfalls zu den Anrainerstaaten des Schwarzen Meeres gehörte.)

Es war eine der schönen Buchvorstellungen, bei denen wenig geredet, aber viel gelesen wurde. Neben dem ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan und der aus der Türkei stammenden deutschen Schauspielerin und Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar las auch der Rumäne Mircea Cărtărescu. Und das ist die Lücke. Mircea Cărtărescu, Jahrgang 1956, hat seit den achtziger Jahren eine ganze Reihe von Gedichtbänden und Romanen veröffentlicht. Seine wichtigsten Werke – darunter die Romane “Die Wissenden” und “Nostalgia” – sind längst ins Deutsche übersetzt. Ich habe nichts davon gelesen. Aber das muss sich jetzt ganz schnell ändern.

Der Essay, den Mircea Cărtărescu für “Odessa Transfer” geschrieben hat, beginnt mit einer Erinnerung an die sechziger Jahre, als er zusammen mit anderen Kindern in ein Ferienlager an das Schwarze Meer geschickt wird. Die ganze Busfahrt über versucht er sich das Meer vorzustellen, über das er in seinem Zimmer in der einer Vorstadt von Bukarest in Büchern gelesen hat. Er denkt an Stürme und hohe Wellen, an Tanker, Trawler und Kutter, an das Abenteuer und die Einsamkeit. “Ich werde das Meer sehen”, das ist das Mantra, das er sich immer wieder aufsagt. Doch als der Bus dann nach einer langen Fahrt an der Küste ankommt, erkennt er es nicht, weil es ganz anders ist, als er es sich vorgestellt hat.

Es ist die gleiche Enttäuschung, die Marcel Proust in der “Suche nach der verlorenen Zeit” beschrieben hat, als sein junger Erzähler auf die Empfehlung Swanns hin zum ersten Mal in den sagenumwobenen Badeort Balbec fahren darf, und dort nichts, aber auch gar nichts den imaginierten Bildern in seinem Kopf entspricht. Prousts Erzähler wird irgendwann begreifen, dass ihm nur die Literatur über diese Enttäuschung hinweghelfen wird, und auch Mircea Cărtărescu schildert in seinem Essay eine literarische Initiation:  ”Ich habe meine eigene Sprache vergessen. Jetzt lerne ich die barbarische Sprache des Meeres.”

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