17.10.09 | 15:10 Uhr | Unter Menschen

Die Revolution beginnt zu Hause

In den Protokollen, die Susanne Messmer fĂŒr ihr Buch “Chinageschichten” zusammengestellt hat, geht es natĂŒrlich nicht in erster Linie um Politik. Die Menschen, mit denen sie sich unterhalten hat, erzĂ€hlen ganz einfach von ihrem langen Leben und den kleinen und großen Alltagstragödien, aus denen es sich zusammensetzt.

Hier auf der Messe las Susanne eine Stelle aus dem GesprĂ€ch mit Zhang Lingru, einer 1930 geborenen Chinesin, die heute in einem Altenheim im SĂŒden von Peking lebt. Ihre Familie war in den vierziger Jahren verarmt, und als Zhang Lingru 15 Jahre alt war, wurde sie von ihrer Stiefmutter gezwungen, sich zu verheiraten. Der Mann, der fĂŒr sie ausgesucht wurde, war bereits 39 Jahre, und Frau Zhang erzĂ€hlt, wie sie sich damals vor ihren MitschĂŒlerinnen und Freundinnen fĂŒr ihren Ă€lteren Ehemann geschĂ€mt hat. Die Ehe war von Anfang an kalt, ohne jede Liebe. Zhang Lingru versuchte sich umzubringen, ĂŒberlebte den Selbstmordversuch und fĂŒgt sich dann zunĂ€chst in ihr Schicksal. Sie war 16, als sie ein Kind bekam, aber sie und ihr Mann kamen sich dadurch nicht nĂ€her. Ganz im Gegenteil. Mit 20 entschloss sie sich, die Scheidung einzureichen, und an dieser Stelle kommt dann doch die chinesische Politik ins Spiel. Ein Richter entschied, dass ihr Mann tatsĂ€chlich zu alt fĂŒr sie gewesen sei, ein Urteil, das zehn Jahre zuvor wohl kaum gegeben hĂ€tte: “Erst jetzt erfuhr ich”, erinnert sich Zhang Lingru, “wie sich unsere Gesellschaft nach der Befreiung verĂ€ndert hatte.”

Das war im Jahr 1950, dem Jahr einer ganz persönlichen Revolution im China.

17.10.09 | 14:30 Uhr | Auf dem Weg

Pekinger Protokolle

Susanne Messmer und ich haben eine Zeitlang gemeinsam fĂŒr die taz gearbeitet. In den letzten Jahren habe ich sie leider kaum noch gesehen. Immer wenn ich mich bei Freunden und Bekannten nach ihr erkundigte, hieß es: “Susanne ist gerade in China.”

2004 war sie zum ersten Mal mit einem Stipendium der IJP nach Peking gereist und kam mit dem Material fĂŒr den Dokumentarfilm “Beijing Bubbles” zurĂŒck, in dem sie zusammen mit ihrem Freund George Lindt die Punk-Szene in Chinas Hauptstadt portrĂ€tiert hat. Das war nur der Anfang. Sie und George veröffentlichen seitdem auf ihrem Label Fly Fast Records CDs mit chinesischer Punk-, Rock- und Folkmusik, Konzerte organisieren sie auch, und ihre Wohnung im Prenzlauer Berg in Berlin ist mittlerweile zu einer Art stĂ€ndigen Vertretung der chinesischen Independent-Szene geworden.

Susanne hat darĂŒber hinaus einen literarischen ReisefĂŒhrer ĂŒber Peking geschrieben, auch an dem Hörbuch “Schmetterling auf der Windschutzscheibe” hat sie mitgearbeitet. Und jetzt hat sie darĂŒber hinaus gerade im Verbrecher Verlag das Buch “Chinageschichten” veröffentlicht. Hinter dem schlichten Titel verbergen sich Protokolle von GesprĂ€chen, die Susanne in Peking mit Ă€lteren, man muss wohl sagen: mit alten Chinesen gefĂŒhrt hat. Ihre GesprĂ€chspartner sind fast alle um die 80. Viele von ihnen können sich noch an die japanische Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern, sie haben den Beginn von Maos Herrschaft, die Kulturrevolution und die zögerlichen Reformen in den spĂ€ten siebziger und frĂŒhen achtziger Jahren mitgemacht.

Es sind ĂŒberraschend offene Antworten, die Susanne bei ihren Recherchen auf ihre Fragen bekommen hat, selbst zu ausgesprochen heiklen Themen wie der durch Maos Wirtschaftspolitik ausgelösten Hungersnot in den fĂŒnfziger Jahren, die mehr als 40 Millionen Todesopfer gefordert hat. Warum diese GesprĂ€chsbereitschaft? Susanne erklĂ€rt das heute auf der Buchmesse am ARTE-Stand gegenĂŒber dem Literaturkritiker Jörg Magenau so: Ein Buch, das im fernen Deutschland erscheine, interessiere in China vermutlich kaum jemanden.

Das ist nur wirklich sehr bescheiden formuliert. Die eigentlich Antwort auf die Frage lieferte Susanne erst ein paar SĂ€tze spĂ€ter, als es um den Umgang der deutschen Medien mit dem Thema China ging. Die meisten deutschen Journalisten, sagte sie, wĂŒrden in China und auch hier auf der Buchmesse immer nur die gleichen Themen abfragen – und dabei nur die Antworten hören, die sie ohnehin schon im Kopf hĂ€tten. Wirklich neugierig auf China sei eigentlich niemand.

Genau das ist Susanne natĂŒrlich. Darum erzĂ€hlen ihre GesprĂ€chsprotokolle auch mehr ĂŒber China als die meisten Leitartikel, Reportage und vermeintlichen Hintergrundberichte, die in den letzten Wochen geschrieben worden sind.

17.10.09 | 13:20 Uhr | Auf dem Weg

Maos Messe

Heute muss man sich gut ĂŒberlegen, welchen Weg man wĂ€hlen sollte, um von einer Halle in die andere zu kommen. Es ist Publikumstag, und die Messe voll. Sehr voll. Es ist wie Schlussverkauf bei Hertie, ein einziges Stoßen, Schieben und DrĂ€ngeln. Die angemessene chinesische Vokabel fĂŒr dieses Verhalten heißt 掚, das haben wir ja bereits gelernt. Mao dagegen  (”in der Masse des Volkes schwimmen wie die Fische im Wasser”) hilft einem kaum weiter. Wenn man Pech hat, bleibt man einfach auf einem der GĂ€nge zwischen den Menschen stecken, und dann geht es nicht weiter. 

17.10.09 | 09:53 Uhr | Auf dem Weg

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17.10.09 | 09:03 Uhr | Unter Menschen

“In Deutschland ist das anders, Papa”

Der Adelbert-von-Chamisso-Preis ist ein ganz besonderer Literaturpreis. Er wird von der Robert-Bosch-Stiftung an Autoren und Autorinnen vergeben, die auf Deutsch schreiben, obwohl Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Zu den PreistrĂ€gern gehören unter anderem Zafer ƞenocak, Ilija Trojanow oder Artur Becker, aber auch die beiden Schriftstellerinnen Que Du Luu und Luo Lingyuan, die im Jahr 2007 mit den Förderpreisen ausgezeichnet worden sind. Sie sind jetzt noch einmal nach Frankfurt gekommen, um hier zu lesen.

Beide Frauen haben chinesische Wurzeln. Luo Lingyuan, Jahrgang 1963, ist in China aufgewachsen, hat dort Journalismus und Computerwissenschaften studiert und ist im Jahre 1990 nach Deutschland ausgewandert. Ihr letzter, ziemlich komischer Roman heißt “Wie eine Chinesin schwanger wird”. Er erzĂ€hlt von einer jungen Chinesin, die in Deutschland lebt und ihren deutschen Freund mit auf eine Reise in ihr Heimatland nimmt, um ihn dort ihren Eltern vorzustellen. Es kommt zu einer Reihe von MissverstĂ€ndnissen, unter anderem ĂŒberwirft ihr Vater sich umgehend mit dem angehenden Schwiegersohn, weil er sein Gastgeschenk zu mickrig findet. “In Deutschland ist das anders, Papa”, versucht ihm seine Tochter zu erklĂ€ren: “Da schenken die Eltern ihren Kindern etwas und nicht umgekehrt.”

Que Du Luu ist Chinesin, ist allerdings im Jahre 1973 in Vietnam geboren. Ihre Eltern gehörten zu den so genannten Boatpeople, die in den siebziger Jahren nach dem Vietnamkrieg aus ihrer Heimat fliehen mussten. Que Du Luu war drei, als sie nach Deutschland kam. Sie hat eine bereits eine ganze Reihe von ErzĂ€hlungen und Romanen veröffentlicht. In Frankfurt las sie aus einem unveröffentlichten Manuskript, in dem es um einen Teenager geht, dem seine Eltern eröffnen, dass sie sich scheiden lassen werden. Von “Vietnam” oder “China” keine Spur in dem Text, aber warum sollte es anders sein normal: FĂŒr Que Du Luu verbinden sich mit diesen LĂ€ndern keine eigenen Erinnerungen, sondern allein die Erinnerungen ihrer Eltern.

Und auch Luo Lingyuans Roman ist auf den zweiten Blick ein sehr deutscher Roman: WĂ€hrend die Protagonistin  in China von einem Familienkrach in den nĂ€chsten geraten, erfĂ€hrt man eine ganze Menge ĂŒber die plötzlich exotisch wirkenden Wertvorstellungen, die sie aus ihrer neuen Heimat mitgebracht hat.

In dieser Hinsicht dokumentiert der Adelbert-von-Chamisso-Preis, der seit 1985 vergeben wird, einen Normalisierungsprozess in Hinblick auf die Autoren und Autorinnen. Vielleicht macht ihn gerade das so besonders: Wer Deutsch schreibt, obwohl Deutsch nicht seine Muttersprache ist, ist eben auch einfach nur ein deutscher Schriftsteller. Aber das Land verÀndert sich.

17.10.09 | 08:44 Uhr | In der Pause

Offline

Gestern abend dann endlich Herta MĂŒller gelesen. In analoger Form. Auf mich muss das E-Book noch warten.

16.10.09 | 18:28 Uhr | Unter Menschen

Arbeit am Mythos

Was Ă€ndert sich, wenn ein Land auf der Buchmesse so prominent vorgestellt wird jetzt gerade China?  Um diese Frage ging es heute nachmittag am ARTE-Stand, und zwar am Beispiel der TĂŒrkei, die im letzten Jahr Gastland war.

MĂŒge Sökmen vom Metis-Verlag verpackte ihre Antwort in eine kleine Geschichte. Als sie in den achtziger Jahren in Deutschland studiert habe, sei ihr bei der Einreise am Frankfurter Flughafen jedes Mal die gleiche Frage von den hessischen Zollbeamten gestellt worden: “Haschisch? Teppisch?” SpĂ€ter versuchte sie dann die Romane tĂŒrkischer Autoren an deutsche Verlage zu vermitteln, und dabei provozierte sie eine Ă€hnliche Reaktion.

Die Verleger und Lektoren hatten eine ganz bestimmte Vorstellung davon, welche Art von Literatur sie wollten. Es musste nicht unbedingt um “Haschisch” oder “Teppische” gehen, aber es sollte unbedingt ein gewalttĂ€tiger anatolischer Ehemann vorkommen, der seine Frau schlĂ€gt. Alles andere sei ihren GesprĂ€chspartnern “zu modern” und “zu westlich” gewesen.

Das, sagte MĂŒge Sökmen, habe sich nun erfreulicherweise geĂ€ndert. Die Einladung als Gastland zur Frankfurter Buchmesse habe dazu gefĂŒhrt, dass man in Deutschland und auch in anderen LĂ€ndern ein GefĂŒhl fĂŒr Reichhaltigkeit der tĂŒrkischen Literatur bekommen habe.

MĂŒge Sökmen ist ĂŒbrigens nicht die einzige Vertreterin des tĂŒrkischen Literaturbetriebs mit einem angenehm trockenen Humor. Neben ihr saß am ARTE-Stand die junge Literaturagentin Nermin Mollaoğlu. Als Moderatorin Sibylle Thelen sie fragte, wie es ihr gelungen sei, im vergangenen Jahr sage und schreibe 152 tĂŒrkische Titel ins Ausland zu verkaufen, antwortete Nermin Mollaoğluin schönstem Englisch und mit nur zwei Worten: “I worked.”

16.10.09 | 15:42 Uhr | Auf dem Weg

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