21.03.10 | 17:58 Uhr | In der Pause

out of office

Ich habe es geschafft. Ich bin tatsächlich der letzte Journalist, der hier um kurz vor sechs noch im Pressecenter der Buchmesse sitzt. Aber jetzt ist es auch wirklich hö ste Zei , da   ich mich au e Weg a e.

Mir gehen nämlich langsam nicht nur die Konsonanten aus, s nd rn ch d V k l.

21.03.10 | 17:48 Uhr | Auf dem Weg

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21.03.10 | 17:32 Uhr | Unter Menschen

Zurück zum Mythos

Ganz am Ende der Buchmesse wird es dann wirklich noch einmal kompliziert. Es geht um Nino Haratischwili, eine junge Dramatikerin und Schriftstellerin, die in diesem Jahr zusammen mit Abbas Khider den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis bekommen hat.

In diesem Fall ist das Komplizierte allerdings nicht der Wechsel zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen, der zu den Lebensläufen der Chamisso-Preisträger ja immer dazugehört.

Diesen Teil hakt Nino Haratischwili in paar Sätzen ab. Sie ist in Tiflis in Georgien aufgewachsen und hatte das Glück, dort eine Schule zu besuchen, auf der sie von der zweiten Klasse an Deutsch gelernt hat. Als sie zwölf Jahre alt war – das war 1995 – wanderte ihre Mutter mit ihr nach Deutschland aus. Nino Haratischwili ging hier zwei Jahre zur Schule und kehrte dann zurück nach Tiflis, um dort das Abitur zu machen. Für das Studium ist sie wieder nach Deutschland gekommen – weil ihr das Bildungssystem hier mehr zusagte, wie sie erzählte. Heute lebt sie in Hamburg.

Nino Haratischwilis Biographie, das ist ein Fall von selbstbewusstem Identitätsmanagement, und auf irgendwelche superschwierigen Ich-bin-anders-weil-ich-aus-einem-anderen-Land-komme-Gespräche will sie sich gar nicht erst einlassen. (Da ist sie Anna Kim übrigens ganz ähnlich).

Kompliziert ist dafür ihr Roman “Jujo”.

Zumindest wenn man die Geschichte in ein paar Zeilen für einen Blog zusammenfassen will.

Am Anfang steht eine Art moderner Mythos: Es geht um eine Französin namens Danielle Sarréra, die sich in den siebziger Jahren umgebracht haben soll. Ihr Roman “Arsenikblüten” – der nach ihrem Tod im Druck erschien – wurde in feministischen Kreisen wegen seiner hasserfüllten Prosa emphatisch aufgenommen, und angeblich sind über ein Dutzend Frauen Danielle Sarréra in den Tod gefolgt.

Das alles ist, wie gesagt, vermutlich ein Mythos. Es gibt die Texte, es gibt den Namen einer Autorin, aber es gibt keine Beweise dafür, dass Danielle Sarréra je gelebt hat, selbst wenn in Zeitungsartikeln gelegentlich der Eindruck erweckt wird.

Diese semifiktionale Geschichte hat Nino Haratischwili jetzt als Ausgangspunkt für einen eigenen Roman genommen: Eine Handvoll Menschen machen sich in Paris auf die Suche nach einer feministischen Phantom-Schriftstellerin und erweitern dabei die Legende um ihre eigenen – erfundenen oder wirklich erlebten? – Geschichten.

Stimmt, das klingt ein bisschen verwirrend.

Aber keine Angst. Geschrieben ist dieses Buch in einer klaren und sehr direkten Sprache, und Nino Haratischwili brauchte auf der Buchmesse dann auch nur einen Satz, um “Juju” auf den Punkt zu bringen: “Es geht um Authentizität.”

Gutes Thema. Eigentlich viel zu gut, um es alleine Helene Hegemann zu überlassen.

21.03.10 | 16:05 Uhr | In der Pause

Zum Mitschreiben

Die Veranstaltung mit Julia Schoch und ihrer französischen Kollegin Cécile Wajsbrot wurde von einem echten Professor moderiert: von Hans T. Siepe, seines Zeichens Romanist an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

Irgendwann kam das Gespräch auf die französische Schriftstellerin Hélène Cixous, die Julia Schoch und Cécile Wajsbrot offenbar beide sehr schätzen. Beide finden sie allerdings auch nicht gerade leicht zu lesen. Soll man ihre Bücher also empfehlen?

Gut, dass in so einem Fall ein Professor mit an Bord ist. “Die Schwierigkeit darf kein Hindernis für eine Lektüre sein”, erklärte Hans T. Siepe: “Wenn wir etwas Leichtes wollen, müssen wir uns woanders bedienen, nicht beim Buch.”

Sprach’s und buchstabierte auch noch den Nachnamen von Hélène Cixous. Zum Mitschreiben.

21.03.10 | 14:48 Uhr | Unter Menschen

Ich geh dann mal zu Fuß

Landolf Scherzer ist ein Schriftsteller, der eigentlich keinen Moderator braucht. Das merkt man sofort. Während Michael Hametner vom MDR noch den Lebenslauf seines Gesprächspartners schildert – 1941 in Dresden geboren, Journalist und Schriftsteller, der in der DDR mit seinen kritischen Reportagen immer wieder aneckte, zahllose literarische Reportagen, die in Form von Bücher erschienen sind – während dieser  Vorstellung also wird Landolf Scherzer sichtlich nervös.

Er hat offenbar gar keine Lust auf die Routineprozeduren, die zu so einer Lesung einfach dazu gehören. Also rutscht er auf seinem Sessel am ARTE-Stand hin und her, in der Hand sein neues Buch “Immer geradeaus”, bis er dann endlich selbst erzählen darf. Und er hat eine ganze Menge zu erzählen – er war nämlich wieder einmal auf Reisen.

Man hört ihm richtig gerne dabei zu. Allein der Anfang der Reise: eine mittlere Katastrophe. Landolf Scherzer hatte sich mit einem Freund zu einer ziemlich originellen Tour verabredet. Sie wollten mit einem alten Trecker und einem DDR-Wohnwagen eine längere Tour durch Mittel- und Osteuropa unternehmen. Doch der Trecker machte bereits in Österreich schlapp – ein Achsenbruch –, der Freund gab auf, und Landolf Scherzer beschloss, die Reise allein zu unternehmen. Und zwar zu Fuß.

Die Route hat er dann doch etwas angepasst und verkürzt. Anstatt den halben Kontinent zu durchqueren, setzte er es sich zum Ziel, in nur fünf Wochen von Ungarn aus durch Kroatien und Serbien nach Rumänien zu wandern.

Landolf Scherzer erzählt, liest und erzählt wieder: von endlosen, staubigen Straßen, von Begegnungen mit Sintis, Banater Schwaben und korrupten kroatischen Lokalpolitikern, vom Wäsche-Problem eines Langzeitwanderers mit eingeschränktem Gepäck (“vier Unterhosen, zwei T-Shirts”), und von der denkwürdigen Nacht, in der er sich als Gast einer rumänischen Familie das einzige Federbett des Hauses mit der Großmutter teilen musste.

Es sind meist ganz alltägliche Geschichten, die er in seinem Buch erzählt, aber – und das kann man sich mit einem Blick auf die Reiseroute denken – viele lassen die Spuren der Kriege erkennen, die auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens stattgefunden haben.

Eines Abends zum Beispiel war Landolf Scherzer zu Gast bei einer serbischen Familie. Das Ehepaar hatte vier Kinder, zwei waren bereits erwachsen, die beiden anderen noch Teenager. Irgendwann holten die Eltern ältere Fotoalben hervor, und plötzlich fiel Landolf Scherzer auf, dass es von den beiden jüngeren Kindern keine Babyfotos gab. “Na, es sind doch Ungarn-Kinder”, erklärten ihm die Eltern, so als sei das etwas ganz Selbstverständliches.

In Serbien gibt es eine große ungarische Minderheit, und mit dem Zerfall Jugoslawiens und den Konflikten zwischen den einzelnen Ethnien kam es in den neunziger Jahren ihnen gegenüber zu gewalttätigen Ausschreitungen. Das ist der Hintergrund.

Auch im Haus neben Landolf Scherzers Gastgebern wohnten nun Ungarn, und eines Tages waren sie verschwunden. Verschleppt, vertrieben, niemand wusste, was passiert war. Nur ihre kleinen Kinder waren noch da – und als die Behörden sie in ein Waisenhaus bringen wollten, haben die Nachbarn sich entschieden, sie zu adoptieren.

Darum gibt es keine Babyfotos von ihnen.

21.03.10 | 13:52 Uhr | Unter Menschen

Minsk, Minus 15 Grad Celsius

Die österreichische Schriftstellerin Anna Kim kennt sich aus mit Stereotypen. Notgedrungen. Sie sieht nämlich nicht aus wie eine Österreicherin, sondern wie eine Koreanerin.

Damit sie das nicht immer wieder neu erklären muss, hat sie auf ihrer Website vorsorglich all die Fragen beantwortet, die ihr immer wieder gestellt werden.

Ja, sie ist in Korea geboren und zwar in Süd-Korea, 1977, und nein, ihr Koreanisch ist nicht besonders gut, weil ihre Familie das Land verlassen hat, als sie ein Jahr alt war. Ja, man könnte sagen, dass ihre Muttersprache Deutsch ist, obwohl sie selbst den Begriff “Muttersprache” für überholt hält, mit “Heimat” und “Identität” kann sie auch nichts anfangen, und zuletzt nein, es gibt tatsächlich überhaupt keine Beziehung zwischen ihrem eigenen Leben und ihrem letzten Roman “Die gefrorene Zeit”, der die Geschichte eines Kosovaren erzählt, der sich nach dem Ende des Krieges in seinem Land auf die Suche nach seinem Vater macht: “Es besteht nicht immer eine Verbindung zwischen dem Geburtsort und den Interessen eines Menschen.”

Auf der Buchmesse war Anna Kim zu Gast am ARTE-Stand, um dort über ihre Erfahrungen als HALMA-Stipendiatin zu berichten. HALMA ist ein Netzwerk europäischer Literaturhäuser und anderer kultureller Zentren, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Autoren und Übersetzer und andere Akteure des Literaturbetriebs in Bewegung zu bringen: Es werden Zweimonats-Stipendien vergeben, die die Stipendiaten an mindestens zwei Orte bringen.

Anna Kim ist auf diesem Weg im vergangenen Jahr in Minsk, Weißrussland, und St. Nazaire, Frankreich gewesen, und obwohl sie – aus eigener biographischer Erfahrung heraus – ziemlich empfindlich auf Stereotypen reagiert, hat sie es auf diesen beiden Reisen selbst erwischt. Sie hat einen kleinen Essay über diese Erfahrung geschrieben, den sie auf der Messe auch vorgelesen hat.

Sie erzählt darin, dass sie zum Beispiel fest davon ausgegangen war, dass in einer Stadt wie Minsk heutzutage selbstverständlich Englisch gesprochen wird – was nicht stimmt und was Anna Kim dort eine Zeit lang offenbar auch ziemlich einsam gemacht hat.

Andererseits, beschreibt sie, war es dort im Winter tatsächlich genau so kalt wie ein Westeuropäer sich das so vorstellt, nämlich Minus 15 Grad abwärts, und das wiederum hat dazu geführt, dass sie sich in dem fremden Land plötzlich nicht mehr ganz so fremd fühlte: Ihr war nämlich genauso kalt wie den Einheimischen.

So konnte sie sich zuletzt an den Stereotypen, die sie so hartnäckig verfolgen, endlich einmal ein bisschen wärmen. Und wir uns mit ihr.

21.03.10 | 12:06 Uhr | Auf dem Weg

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21.03.10 | 12:04 Uhr | Auf dem Weg

Meet the Reader

Das Cover ist wirklich hübsch. Ich bin kurz am Stand des Hanser Verlags stehen geblieben, und das nachtblau gebundene Buch mit den Sternen und der dunklen Silhouette eines Baumes darauf ist mir sofort aufgefallen. Der Titel ist auch nicht schlecht: “Wie man unsterblich wird”. Das klingt doch ein bisschen wie ein lustig gemachter Ratgeber, oder?

Irrtum Nummer eins.

Ich will gerade nach dem Buch greifen, da spricht mich jemand an: “Soll ich Ihnen vielleicht etwas darüber erzählen?”

Ich drehe mich um. Die Stimme gehört zu einem jungen Mann, er ist vielleicht Anfang zwanzig, mit langem, schwarz gefärbten Haar, Ledermantel und einem T-Shirt mit einer japanischen Comic-Figur darauf. Typ: Manga-Maniac. Hört mit Sicherheit Gothic. Liest nichts, scannt höchstens mal die Einträge in irgendeinem bizarren Internet-Forum.

Irrtum Nummer zwei.

Ich sage: “Und Du arbeitest wirklich für den Hanser Verlag?”

Er, genervt: “Natürlich nicht.” Und geduldig weiter: “Aber ich kann Ihnen trotzdem was zu dem Buch sagen. Es geht um einen Jungen, der an Leukämie erkrankt ist und der jetzt zusammen mit seinem Freund die ganzen Sachen macht, die er immer schon machen wollte. Tolles Buch. Hat mich wahnsinnig berührt.”

Tja.

Sally Nicholls, “Wie man unsterblich wird”.

Schauen Sie es sich doch einfach selbst mal an.

20.03.10 | 20:50 Uhr | Auf dem Weg

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20.03.10 | 19:05 Uhr | In der Pause

Kurze Pause

Das Schönste ist eigentlich immer die Stimmung am späten Nachmittag.

Spätestens um vier, halb fünf wird an an den meisten Ständen der Rotwein entkorkt, und selbst notorische Termin-Hopper halten plötzlich einen Moment inne, um sich beim Verlag ihrer Wahl auf eines der Einheits-Sitzkissen fallen zu lassen und genau das zu tun, für das sie eigentlich nach Leipzig gekommen sind: um sich im Schoß der schrecklich netten Literaturbetriebsfamilie ein bisschen zu entspannen.

Also plaudert man, tauscht ein bisschen bösartigen Klatsch aus, gibt an, steckt ein, versöhnt sich und amüsiert sich gemeinsam über die lange Liste der superwichtigen Neuerscheinungen, die man auch in dieser Saison wieder einmal nicht lesen wird. Und dann beginnt auch schon die Planung für den Abend und die Nacht.

Spätestens damit ist der Spaß allerdings vorbei. Die Empfänge, Essenseinladungen und offiziellen Partys nach Messeschluss sind nämlich wieder richtig harte Arbeit.

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