21.03.10 | 14:48 Uhr |
Unter Menschen
Landolf Scherzer ist ein Schriftsteller, der eigentlich keinen Moderator braucht. Das merkt man sofort. Während Michael Hametner vom MDR noch den Lebenslauf seines Gesprächspartners schildert – 1941 in Dresden geboren, Journalist und Schriftsteller, der in der DDR mit seinen kritischen Reportagen immer wieder aneckte, zahllose literarische Reportagen, die in Form von Bücher erschienen sind – während dieser Vorstellung also wird Landolf Scherzer sichtlich nervös.
Er hat offenbar gar keine Lust auf die Routineprozeduren, die zu so einer Lesung einfach dazu gehören. Also rutscht er auf seinem Sessel am ARTE-Stand hin und her, in der Hand sein neues Buch “Immer geradeaus”, bis er dann endlich selbst erzählen darf. Und er hat eine ganze Menge zu erzählen – er war nämlich wieder einmal auf Reisen.
Man hört ihm richtig gerne dabei zu. Allein der Anfang der Reise: eine mittlere Katastrophe. Landolf Scherzer hatte sich mit einem Freund zu einer ziemlich originellen Tour verabredet. Sie wollten mit einem alten Trecker und einem DDR-Wohnwagen eine längere Tour durch Mittel- und Osteuropa unternehmen. Doch der Trecker machte bereits in Österreich schlapp – ein Achsenbruch –, der Freund gab auf, und Landolf Scherzer beschloss, die Reise allein zu unternehmen. Und zwar zu Fuß.
Die Route hat er dann doch etwas angepasst und verkürzt. Anstatt den halben Kontinent zu durchqueren, setzte er es sich zum Ziel, in nur fünf Wochen von Ungarn aus durch Kroatien und Serbien nach Rumänien zu wandern.
Landolf Scherzer erzählt, liest und erzählt wieder: von endlosen, staubigen Straßen, von Begegnungen mit Sintis, Banater Schwaben und korrupten kroatischen Lokalpolitikern, vom Wäsche-Problem eines Langzeitwanderers mit eingeschränktem Gepäck (“vier Unterhosen, zwei T-Shirts”), und von der denkwürdigen Nacht, in der er sich als Gast einer rumänischen Familie das einzige Federbett des Hauses mit der Großmutter teilen musste.
Es sind meist ganz alltägliche Geschichten, die er in seinem Buch erzählt, aber – und das kann man sich mit einem Blick auf die Reiseroute denken – viele lassen die Spuren der Kriege erkennen, die auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens stattgefunden haben.
Eines Abends zum Beispiel war Landolf Scherzer zu Gast bei einer serbischen Familie. Das Ehepaar hatte vier Kinder, zwei waren bereits erwachsen, die beiden anderen noch Teenager. Irgendwann holten die Eltern ältere Fotoalben hervor, und plötzlich fiel Landolf Scherzer auf, dass es von den beiden jüngeren Kindern keine Babyfotos gab. “Na, es sind doch Ungarn-Kinder”, erklärten ihm die Eltern, so als sei das etwas ganz Selbstverständliches.
In Serbien gibt es eine große ungarische Minderheit, und mit dem Zerfall Jugoslawiens und den Konflikten zwischen den einzelnen Ethnien kam es in den neunziger Jahren ihnen gegenüber zu gewalttätigen Ausschreitungen. Das ist der Hintergrund.
Auch im Haus neben Landolf Scherzers Gastgebern wohnten nun Ungarn, und eines Tages waren sie verschwunden. Verschleppt, vertrieben, niemand wusste, was passiert war. Nur ihre kleinen Kinder waren noch da – und als die Behörden sie in ein Waisenhaus bringen wollten, haben die Nachbarn sich entschieden, sie zu adoptieren.
Darum gibt es keine Babyfotos von ihnen.
