Der Märchenprinz
Julia Schoch ist eine junge deutsche Schriftstellerin. Sie hat einen Erzählband und mehrere Romane geschrieben, zuletzt erschien “Mit der Geschwindigkeit des Sommers”. Jetzt hat sie einen Preis bekommen, allerdings nicht für ihre schriftstellerische Arbeit (für die sie allerdings auch schon häufig gelobt worden ist), sondern für eine Übersetzung. Julia Schoch hat Georges Hyvernauds Roman “Haut und Knochen” ins Deutsche übertragen und ist dafür in diesem Jahr mit dem André-Gide-Preis ausgezeichnet worden.
Hier auf der Messe war sie heute Morgen im Forum International zu Gast, auf Einladung der DVA-Stiftung, die nicht nur den Gide-Preis vergibt, sondern sich auch sonst mit zahlreichen Programmen um den deutsch-französischen Kulturtransfer bemüht.
Nun ist über die Arbeit des Übersetzens viel zu sagen. Man kann sich zum Beispiel über die handwerklichen Probleme unterhalten. Julia Schoch übersetzt auch die französische Krimiautorin Fred Vargas und ist dabei unter anderem einmal mit dem Problem konfrontiert worden, den für Franzosen offenbar etwas putzigen Dialekt eines Franko-Kanadiers angemessen unverständlich ins Deutsche übertragen zu müssen. Oder man kann sich eher programmatisch unterhalten. Da redet man dann über so Dinge wie “Völkerverständigung”, “Brücken bauen” oder den “interkulturellen Dialog”.
Das ist alles ganz schön und wichtig, aber natürlich hört man lieber eine persönliche Geschichte.
Und die hat Julia Schoch zu erzählen.
Julia Schoch ist 1974 geboren und wuchs in Potsdam auf. Sie ist also ein Kind der DDR. Als sie ein Teenager war, das war in den späten achtziger Jahren, hatte sie eine ziemlich romantische Vorstellung von ihrem künftigen Leben. Sie stellte sich vor, dass sie einen Franzosen kennen lernen würde, der sie heiraten würde und mit dem sie ein gemeinsames Leben in Paris führen könnte oder vielleicht auch in einem kleinen Dorf am Atlantik, egal wo, eben nur nicht in der DDR.
Also begann sie in der Schule Französisch zu lernen.
Kurz darauf fiel die Mauer, die DDR verschwand, und mit ihr löste sich auch Julia Schochs Traum von einem französischen Märchenprinzen in Luft auf. Statt dessen verbrachte sie einfach so viel Zeit in Frankreich, und irgendwann fing sie an zu übersetzen.
Das ist die Geschichte.
Sie hat sogar noch eine weitere Pointe.
Nach dem Fall der Mauer fing Julia Schochs Mutter an, sich mit der Geschichte ihrer Familie zu beschäftigen. Sie erfuhr, dass ihr Vater – Julia Schochs Großvater – während des Zweiten Weltkriegs als deutscher Soldat in Frankreich ein Kind gezeugt hatte. Julia Schochs Mutter hatte also einen französischen Halbbruder und Julia Schoch selbst einen französischen Onkel.