Ein richtiger Preisträger, ein falscher Inder
Die Geschichte ist einfach zu gut. Abbas Khider stammt aus dem Irak, aber er sieht nicht aus wie ein Araber, eher wie ein Inder: viel zu dunkle Haut, viel zu braune Augen, viel zu schwarze Haare.
In seiner Heimatstadt Bagdad hat er deshalb in den achtziger Jahren ein paar Mal richtig Ärger gehabt. Wenn er in der Straßenbahn ohne Ticket erwischt wurde, landete er regelmäßig auf dem Polizeirevier, weil er für einen illegalen Einwanderer gehalten wurde. Dann musste er Fragen beantworten: Welche Kinderlieder irakische Kinder singen, solche Sachen halt. Er antwortete brav, und irgendwann ließ man ihn dann wieder nach Hause gehen.
Als junger Mann hat Abbas Khider den Irak verlassen. Jetzt war er ein wirklich ein illegaler Einwanderer. Er hat sich ein paar Jahre durchgeschlagen, in Asien, Nordafrika und Europa, und schließlich hat er sich auf den Weg nach Schweden gemacht. In Schweden, hatte er gehört, bekämen Asylbewerber, die auf die Universität gehen würden, nämlich eine finanzielle Unterstützung vom Staat. Das klang attraktiv.
Auf dem Weg in den Norden musste er auch die Grenze zwischen Österreich und Deutschland überqueren. Ein Visum hatte er natürlich nicht. Der deutsche Zoll erwischte ihn und übergab ihn der Polizei. Eigentlich wäre das kein Problem gewesen, denn damals bekamen Flüchtlinge aus dem Irak in Deutschland Asyl.
Doch die bayerische Polizei glaubte ihm kein Wort. Ein einziger Blick hatte genügt: Sie hielten Abbas Khider für einen Inder. Und Inder hatten in Deutschland noch nie Asyl bekommen.
Ein Dolmetscher wurde gerufen, außerdem ein Experte für den Irak, und wieder einmal musste Abbas Khider Fragen beantworten. Wie viele Kinos es im Stadtzentrum von Bagdad gebe, so etwas eben. Seine Antworten überzeugten den Experten, den Dolmetscher und schließlich auch die bayerische Polizei, und seitdem lebt Abbas Khider in Deutschland.
Das mit Schweden musste er sich natürlich abschminken. Wer Asyl beantragt, darf nicht reisen.
Also wurde Abbas Khider Schriftsteller. Das heißt, eigentlich war er schon länger Schriftsteller, ein Dichter nämlich. Aber seine Gedichte hatte er auf Arabisch geschrieben. Jetzt lernte er Deutsch, und in dieser Sprache schrieb er auch seinen ersten Roman. Er heißt “Der falsche Inder” und erzählt davon, wie ein junger Araber, der nicht aussieht wie ein Araber, aus dem Irak nach Deutschland kommt.
Abbas Khider ist für sein Romandebüt in diesem Jahr mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis ausgezeichnet worden – Sie erinnern sich: Der Preis wird an Schriftsteller vergeben, die auf Deutsch schreiben, obwohl sie eine andere Muttersprache haben.
Am Stand von ARTE hat Abbas Khider heute Nachmittag auf der Buchmesse viel erzählt: über sein Leben und über seinen Roman. Und warum er auf Deutsch schreibt und nicht auf Hindi Arabisch.
Es gibt einen einfachen Grund. Die Geschichte, die Abbas Khider zu erzählen hat, ist gut, aber sie hat einige wirklich schlimme Momente. Er war mehrmals im Gefängnis, zuerst im Irak, später auch anderen Ländern. Er hat immer wieder ganz unten angefangen, und er hat oft gedacht, dass er am Ende ist.
Darüber habe er in seiner Muttersprache nicht schreiben können, sagte Abbas Khider. Der Text hätte nur noch aus Schmerz und Leid und Elend bestanden. Auf Deutsch sei es einfacher gewesen, sich Distanz zu den Ereignissen zu verschaffen und zuletzt sogar einen komischen Tonfall zu finden.
Im Netz gibt es eine Leseprobe: einfach mal selbst reinlesen!