20.03.10 | 14:11 Uhr | Unter Menschen

Die Söldner der Demokratie

In Priština gibt es eine ganze Reihe von Restaurants, die ausschließlich von den so genannten “internationals” besucht werden, den Ausländern also, die nach dem Ende des Krieges aus unterschiedlichen Gründen in den Kosovo gekommen.

Die Speisekarten haben sich entsprechend verändert. Die Gerichte sind teurer geworden, und sie haben neue Namen bekommen. Die Pizza Priština, die früher gerne in italienisch ausgerichteten Lokalen angeboten wurde, heißt darum in den meisten Restaurants jetzt Pizza UNMIK – nach der Abkürzung der UN-Mission, die seit Jahren die Verwaltung des Kosovo organisiert.

Pizza UNMIK, unter dieser Überschrift hat die deutsche Autorin Kathrin Röggla im vergangenen Jahr einen Briefwechsel mit dem Dramatiker Jeton Neziraj und der Soziologin Vjollca Krasniqi geführt, die beide in Priština leben und arbeiten.

Thema des Briefwechsel, den man im Internet nachlesen kann, sind die “internationals”, die sich im Kosovo eingerichtet haben: die Soldaten, die Bürokraten, die Politiker, vor allem aber die NGOler, die Vertreter der Nichtregierungs-Organisationen, die dort als selbsternannte Entwicklungs-Spezialisten am Aufbau der Zivilgesellschaft arbeiten.

Zu übersehen sind die “internationals” dort anscheinend kaum. Sie fahren die teuersten Autos, ihnen gehören die größten Häuser, sie tragen die elegantesten Anzüge, kurz: Sie pflegen einen Lebensstil, den sie sich zu Hause in ihren eigenen Ländern kaum leisten können.

Kathrin Röggla nennt das “Kolonialismus”, Vjollca Krasniqi spricht von einer “demokratischen Besetzung” des Landes, und Jeton Neziraj erzählte bei einer Diskussionsveranstaltung hier auf der Buchmesse einen der vielen Witze, die im Kosovo über die UNO-Mission kursieren: “Was ist der Unterschied zwischen der UNMIK und der Mafia? Ganz einfach. Die Mafia ist besser organisiert.”

Der Briefwechsel ist lustig, intelligent, tiefgründig, vor allem aber spannend zu lesen, weil die drei Autoren ihre eigene Position ständig hinterfragen. Jeton Neziraj – der mittlerweile das Nationaltheater der Republik Kosovo leitet – erinnert sich daran, dass er am Anfang von Kathrin Röggla Fragen komplett genervt war: “Sie wollte einfach genau die gleichen Sachen wissen wie die ganzen NGOler, die uns seit Jahren immer wieder Fragen stellen.”

Auch eine Frage ist also immer schon Politik. Das war dann allerdings kein Problem, sondern eher ein produktives Missverständnis, an dessen Ende eine Art ethnographisches Spiegelkabinett steht: Wer sich durch den Briefwechsel arbeitet, weiß am Ende mehr über den Alltag der Einheimischen im dauerverwalteten Kosovo. Und er erfährt gleichzeitig etwas über die Menschen, die für die internationalen Organisationen arbeiten und die Spielregeln dieses Alltags festlegen.

Gestern im Kosovo, heute in Georgien, morgen im Irak und in Afghanistan.

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