20.03.10 | 18:02 Uhr | Unter Menschen

Stapelware vom Balkan

Jetzt kommen die Stars. Und zwar gleich drei von ihnen: Mirjana Novaković, Vladimir Pišalo und Ben Blushi. Sie alle haben in den letzten Jahren Bücher  veröffentlicht, die zu Bestsellern geworden geworden.

Mirjana Novaković zum Beispiel, sie kommt aus Serbien, hat einen Roman mit dem Titel “Strah i njegov sluga” geschrieben, auf Deutsch heißt das: “Die Angst und ihre Dienerin”. Es handelt sich dabei offenbar um ein raffiniert gebautes Buch, das die Jagd auf einen Vampir im 18. Jahrhundert erzählt – und dabei mit den Elementen des historischen Romans, der “gothic novel” und der Reiseerzählung spielt.

Ich schreibe “offenbar”, weil ich das Buch selbst nicht gelesen habe. Ins Deutsche ist es nämlich bisher nicht übersetzt worden, und dass, obwohl es derzeit zu den meistverkauften Romanen in Serbien gehört.

Was heißt das genau – meistverkauft?

In Deutschland ist ein Buch erst dann ein richtig großer Erfolg, wenn an die 100.000 Exemplare den Besitzer gewechselt haben. In Serbien geht das natürlich etwas schneller, einfach weil die Zahl der potentiellen Leser deutlich geringer ist. Deutsch wird von rund 100 Millionen Menschen gesprochen, Serbisch nur von etwa 10 Millionen, und da reichen dann 20.000 Bücher, die über den Ladentisch gehen, um einen Bestseller zu produzieren.

Wie viel es genau sind, weiß Mirjana Novaković selbst nicht: Seit etwas fünf Jahren, erzählte sie heute Nachmittag bei einer Diskussionsrunde im Forum International, würden die Buchhändler und Verlage in Serbien nur noch sehr zögerlich Zahlen herausgeben – um sich nicht allzu tief in ihre Buchhaltung gucken zu lassen.

Auch der albanische Autor Ben Blushi ist sich nicht so ganz sicher, wie oft sich sein historischer Roman “Të jetosh në ishull”, zu Deutsch: “Das Leben auf einer Insel” verkauft hat. “Geld habe ich für 30.000 Exemplare bekommen”, erklärte er und lächelte… und schwieg. So richtig scheint er offenbar weder seinem Verlag noch dem albanischen Einzelhandel zu vertrauen.

Ben Blushi ist im übrigen in Albanien ein ziemlich bekannter Politiker (aber ich muss zugeben, dass ich seinen Namen heute trotzdem zum ersten Mal gehört habe).  Er war in späten neunziger Jahren für ein paar Monate der Außenminister Albaniens, heute sitzt er für die sozialistische Partei PS im Parlament.

Jetzt würde man natürlich auch in seinem Roman gerne ein politisches Statement sehen. Und auf den ersten Blick sieht das Ganze auch wirklich ziemlich kontrovers aus: “Das Leben auf einer Insel” erzählt die Geschichte eines Christen, der sich im 16. Jahrhundert, als Albanien in den Herrschaftsbereich des Osmanischen Reichs gehörte, zum Islam bekennt. (Im Netz gibt es eine Leseprobe aus seinem Roman auf Englisch.)

So etwas müsste doch gerade in Albanien ein Reizthema sein, wo heute sowohl Moslems als auch Christen leben, oder?

Nun, das ist es offenbar nicht. Ich habe nach der Diskussion mit einigen Albanern und Albanerinnen gesprochen, die im Publikum waren. Sie erklärten mir, dass man die Sache mit der Religion in ihrem Land ziemlich locker sehe. Anders gesagt: Niemand interessiere sich so richtig dafür. Gerade deshalb sei Ben Blushis Roman auch so erfolgreich: Er würde den Konvertiten in seinem Buch nämlich als reinen Opportunisten darstellen, der sich aus wirtschaftlichen Gründen zu der anderen Religion bekennt. So etwas, erklärte man mir, komme in Albanien einfach gut an.

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