21.03.10 | 13:52 Uhr | Unter Menschen

Minsk, Minus 15 Grad Celsius

Die österreichische Schriftstellerin Anna Kim kennt sich aus mit Stereotypen. Notgedrungen. Sie sieht nämlich nicht aus wie eine Österreicherin, sondern wie eine Koreanerin.

Damit sie das nicht immer wieder neu erklären muss, hat sie auf ihrer Website vorsorglich all die Fragen beantwortet, die ihr immer wieder gestellt werden.

Ja, sie ist in Korea geboren und zwar in Süd-Korea, 1977, und nein, ihr Koreanisch ist nicht besonders gut, weil ihre Familie das Land verlassen hat, als sie ein Jahr alt war. Ja, man könnte sagen, dass ihre Muttersprache Deutsch ist, obwohl sie selbst den Begriff “Muttersprache” für überholt hält, mit “Heimat” und “Identität” kann sie auch nichts anfangen, und zuletzt nein, es gibt tatsächlich überhaupt keine Beziehung zwischen ihrem eigenen Leben und ihrem letzten Roman “Die gefrorene Zeit”, der die Geschichte eines Kosovaren erzählt, der sich nach dem Ende des Krieges in seinem Land auf die Suche nach seinem Vater macht: “Es besteht nicht immer eine Verbindung zwischen dem Geburtsort und den Interessen eines Menschen.”

Auf der Buchmesse war Anna Kim zu Gast am ARTE-Stand, um dort über ihre Erfahrungen als HALMA-Stipendiatin zu berichten. HALMA ist ein Netzwerk europäischer Literaturhäuser und anderer kultureller Zentren, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Autoren und Übersetzer und andere Akteure des Literaturbetriebs in Bewegung zu bringen: Es werden Zweimonats-Stipendien vergeben, die die Stipendiaten an mindestens zwei Orte bringen.

Anna Kim ist auf diesem Weg im vergangenen Jahr in Minsk, Weißrussland, und St. Nazaire, Frankreich gewesen, und obwohl sie – aus eigener biographischer Erfahrung heraus – ziemlich empfindlich auf Stereotypen reagiert, hat sie es auf diesen beiden Reisen selbst erwischt. Sie hat einen kleinen Essay über diese Erfahrung geschrieben, den sie auf der Messe auch vorgelesen hat.

Sie erzählt darin, dass sie zum Beispiel fest davon ausgegangen war, dass in einer Stadt wie Minsk heutzutage selbstverständlich Englisch gesprochen wird – was nicht stimmt und was Anna Kim dort eine Zeit lang offenbar auch ziemlich einsam gemacht hat.

Andererseits, beschreibt sie, war es dort im Winter tatsächlich genau so kalt wie ein Westeuropäer sich das so vorstellt, nämlich Minus 15 Grad abwärts, und das wiederum hat dazu geführt, dass sie sich in dem fremden Land plötzlich nicht mehr ganz so fremd fühlte: Ihr war nämlich genauso kalt wie den Einheimischen.

So konnte sie sich zuletzt an den Stereotypen, die sie so hartnäckig verfolgen, endlich einmal ein bisschen wärmen. Und wir uns mit ihr.

Impressum