21.03.10 | 17:32 Uhr | Unter Menschen

Zurück zum Mythos

Ganz am Ende der Buchmesse wird es dann wirklich noch einmal kompliziert. Es geht um Nino Haratischwili, eine junge Dramatikerin und Schriftstellerin, die in diesem Jahr zusammen mit Abbas Khider den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis bekommen hat.

In diesem Fall ist das Komplizierte allerdings nicht der Wechsel zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen, der zu den Lebensläufen der Chamisso-Preisträger ja immer dazugehört.

Diesen Teil hakt Nino Haratischwili in paar Sätzen ab. Sie ist in Tiflis in Georgien aufgewachsen und hatte das Glück, dort eine Schule zu besuchen, auf der sie von der zweiten Klasse an Deutsch gelernt hat. Als sie zwölf Jahre alt war – das war 1995 – wanderte ihre Mutter mit ihr nach Deutschland aus. Nino Haratischwili ging hier zwei Jahre zur Schule und kehrte dann zurück nach Tiflis, um dort das Abitur zu machen. Für das Studium ist sie wieder nach Deutschland gekommen – weil ihr das Bildungssystem hier mehr zusagte, wie sie erzählte. Heute lebt sie in Hamburg.

Nino Haratischwilis Biographie, das ist ein Fall von selbstbewusstem Identitätsmanagement, und auf irgendwelche superschwierigen Ich-bin-anders-weil-ich-aus-einem-anderen-Land-komme-Gespräche will sie sich gar nicht erst einlassen. (Da ist sie Anna Kim übrigens ganz ähnlich).

Kompliziert ist dafür ihr Roman “Jujo”.

Zumindest wenn man die Geschichte in ein paar Zeilen für einen Blog zusammenfassen will.

Am Anfang steht eine Art moderner Mythos: Es geht um eine Französin namens Danielle Sarréra, die sich in den siebziger Jahren umgebracht haben soll. Ihr Roman “Arsenikblüten” – der nach ihrem Tod im Druck erschien – wurde in feministischen Kreisen wegen seiner hasserfüllten Prosa emphatisch aufgenommen, und angeblich sind über ein Dutzend Frauen Danielle Sarréra in den Tod gefolgt.

Das alles ist, wie gesagt, vermutlich ein Mythos. Es gibt die Texte, es gibt den Namen einer Autorin, aber es gibt keine Beweise dafür, dass Danielle Sarréra je gelebt hat, selbst wenn in Zeitungsartikeln gelegentlich der Eindruck erweckt wird.

Diese semifiktionale Geschichte hat Nino Haratischwili jetzt als Ausgangspunkt für einen eigenen Roman genommen: Eine Handvoll Menschen machen sich in Paris auf die Suche nach einer feministischen Phantom-Schriftstellerin und erweitern dabei die Legende um ihre eigenen – erfundenen oder wirklich erlebten? – Geschichten.

Stimmt, das klingt ein bisschen verwirrend.

Aber keine Angst. Geschrieben ist dieses Buch in einer klaren und sehr direkten Sprache, und Nino Haratischwili brauchte auf der Buchmesse dann auch nur einen Satz, um “Juju” auf den Punkt zu bringen: “Es geht um Authentizität.”

Gutes Thema. Eigentlich viel zu gut, um es alleine Helene Hegemann zu überlassen.

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