20.03.10 | 18:50 Uhr | Auf dem Weg

Mit der Kamera über die Grenze

Die meisten Leute halten das Schreiben von Büchern für eine große Sache – und die meisten Schriftsteller befeuern diesen Gedanken auch noch, indem sie anhaltend von den persönlichen Qualen berichten, die sie beim Verfassen ihrer Romane durchlebt haben.

Filmemacher sind da viel entspannter. Zumindest hört es sich so an, wenn sie über ihre Arbeit sprechen. Sie “schreiben” ihre Drehbücher nämlich nicht, sie “entwickeln” sie. Das klingt irgendwie klar und einfach, ich denke da an Handwerk und Technik und Ingenieurwissenschaft, und selbst wenn das in Wirklichkeit ganz anders (und sehr viel anstrenger) aussehen sollte, war ich doch ganz froh, dass ich heute Nachmittag für eine Stunde in die Welt des Films hineinschauen durfte.

Die Robert Bosch Stiftung vergibt seit 2005 einen Filmförderpreis, der vor allem ein Ziel hat: Er soll zu grenzüberschreitenden Kooperationen anregen. Bewerben dürfen sich darum nur gemischte Team aus deutschen und osteuropäischen Nachwuchs-Filmemachern – und am ARTE-Stand wurden jetzt zwei dieser geförderten Produktionen vorgestellt. Einmal “Sunstroke”, ein Kurzspielfilm der ungarischen Regisseurin Lili Horváth, und dann “Kein Ort”, ein Dokumentarfilm, den die deutsche Filmemacherin Kerstin Nickig gedreht hat.

“Kein Ort” ist eine Grenzüberschreitung in jeder Hinsicht: Das Produktionsteam besteht aus zwei Deutschen und zwei Polen, gedreht wurde in Polen, Österreich und in der Ukraine – und es geht um Menschen aus Tschetschenien, die in diese Länder ausgewandert sind: Zwei Jahre lang hat Kerstin Nickig den Alltag von vier Flüchtlings-Familien begleitet.

Am liebsten hätten man sich den Film dann auch gleich angeguckt. Doch ein bisschen warten muss man noch. Erst einmal geht er auf einige Festivals, danach in ausgewählte Kinos und irgendwann wohl auch ins Fernsehen. Einen Trailer findet man allerdings schon jetzt im Netz.

20.03.10 | 18:02 Uhr | Unter Menschen

Stapelware vom Balkan

Jetzt kommen die Stars. Und zwar gleich drei von ihnen: Mirjana Novaković, Vladimir Pišalo und Ben Blushi. Sie alle haben in den letzten Jahren Bücher  veröffentlicht, die zu Bestsellern geworden geworden.

Mirjana Novaković zum Beispiel, sie kommt aus Serbien, hat einen Roman mit dem Titel “Strah i njegov sluga” geschrieben, auf Deutsch heißt das: “Die Angst und ihre Dienerin”. Es handelt sich dabei offenbar um ein raffiniert gebautes Buch, das die Jagd auf einen Vampir im 18. Jahrhundert erzählt – und dabei mit den Elementen des historischen Romans, der “gothic novel” und der Reiseerzählung spielt.

Ich schreibe “offenbar”, weil ich das Buch selbst nicht gelesen habe. Ins Deutsche ist es nämlich bisher nicht übersetzt worden, und dass, obwohl es derzeit zu den meistverkauften Romanen in Serbien gehört.

Was heißt das genau – meistverkauft?

In Deutschland ist ein Buch erst dann ein richtig großer Erfolg, wenn an die 100.000 Exemplare den Besitzer gewechselt haben. In Serbien geht das natürlich etwas schneller, einfach weil die Zahl der potentiellen Leser deutlich geringer ist. Deutsch wird von rund 100 Millionen Menschen gesprochen, Serbisch nur von etwa 10 Millionen, und da reichen dann 20.000 Bücher, die über den Ladentisch gehen, um einen Bestseller zu produzieren.

Wie viel es genau sind, weiß Mirjana Novaković selbst nicht: Seit etwas fünf Jahren, erzählte sie heute Nachmittag bei einer Diskussionsrunde im Forum International, würden die Buchhändler und Verlage in Serbien nur noch sehr zögerlich Zahlen herausgeben – um sich nicht allzu tief in ihre Buchhaltung gucken zu lassen.

Auch der albanische Autor Ben Blushi ist sich nicht so ganz sicher, wie oft sich sein historischer Roman “Të jetosh në ishull”, zu Deutsch: “Das Leben auf einer Insel” verkauft hat. “Geld habe ich für 30.000 Exemplare bekommen”, erklärte er und lächelte… und schwieg. So richtig scheint er offenbar weder seinem Verlag noch dem albanischen Einzelhandel zu vertrauen.

Ben Blushi ist im übrigen in Albanien ein ziemlich bekannter Politiker (aber ich muss zugeben, dass ich seinen Namen heute trotzdem zum ersten Mal gehört habe).  Er war in späten neunziger Jahren für ein paar Monate der Außenminister Albaniens, heute sitzt er für die sozialistische Partei PS im Parlament.

Jetzt würde man natürlich auch in seinem Roman gerne ein politisches Statement sehen. Und auf den ersten Blick sieht das Ganze auch wirklich ziemlich kontrovers aus: “Das Leben auf einer Insel” erzählt die Geschichte eines Christen, der sich im 16. Jahrhundert, als Albanien in den Herrschaftsbereich des Osmanischen Reichs gehörte, zum Islam bekennt. (Im Netz gibt es eine Leseprobe aus seinem Roman auf Englisch.)

So etwas müsste doch gerade in Albanien ein Reizthema sein, wo heute sowohl Moslems als auch Christen leben, oder?

Nun, das ist es offenbar nicht. Ich habe nach der Diskussion mit einigen Albanern und Albanerinnen gesprochen, die im Publikum waren. Sie erklärten mir, dass man die Sache mit der Religion in ihrem Land ziemlich locker sehe. Anders gesagt: Niemand interessiere sich so richtig dafür. Gerade deshalb sei Ben Blushis Roman auch so erfolgreich: Er würde den Konvertiten in seinem Buch nämlich als reinen Opportunisten darstellen, der sich aus wirtschaftlichen Gründen zu der anderen Religion bekennt. So etwas, erklärte man mir, komme in Albanien einfach gut an.

20.03.10 | 15:51 Uhr | Auf dem Weg

::

20.03.10 | 14:42 Uhr | Auf dem Weg

Routenplaner

Jetzt muss man taktisch denken. Ich habe um 15 Uhr einen Termin in Halle 4, der bis 15.30 Uhr dauert. Um 16 Uhr muss ich in der Glashalle sein, am Stand von ARTE. Dazwischen liegen gerade mal fünfhundert Meter Fußweg, für die man im Moment allerdings deutlich über eine halbe Stunde braucht. Es ist einfach zu voll. Angeblich soll es schneller gehen, wenn einen längeren Umweg nimmt und durch den Außenbereich geht… Außen? Wo war das noch mal?

20.03.10 | 14:11 Uhr | Unter Menschen

Die Söldner der Demokratie

In Priština gibt es eine ganze Reihe von Restaurants, die ausschließlich von den so genannten “internationals” besucht werden, den Ausländern also, die nach dem Ende des Krieges aus unterschiedlichen Gründen in den Kosovo gekommen.

Die Speisekarten haben sich entsprechend verändert. Die Gerichte sind teurer geworden, und sie haben neue Namen bekommen. Die Pizza Priština, die früher gerne in italienisch ausgerichteten Lokalen angeboten wurde, heißt darum in den meisten Restaurants jetzt Pizza UNMIK – nach der Abkürzung der UN-Mission, die seit Jahren die Verwaltung des Kosovo organisiert.

Pizza UNMIK, unter dieser Überschrift hat die deutsche Autorin Kathrin Röggla im vergangenen Jahr einen Briefwechsel mit dem Dramatiker Jeton Neziraj und der Soziologin Vjollca Krasniqi geführt, die beide in Priština leben und arbeiten.

Thema des Briefwechsel, den man im Internet nachlesen kann, sind die “internationals”, die sich im Kosovo eingerichtet haben: die Soldaten, die Bürokraten, die Politiker, vor allem aber die NGOler, die Vertreter der Nichtregierungs-Organisationen, die dort als selbsternannte Entwicklungs-Spezialisten am Aufbau der Zivilgesellschaft arbeiten.

Zu übersehen sind die “internationals” dort anscheinend kaum. Sie fahren die teuersten Autos, ihnen gehören die größten Häuser, sie tragen die elegantesten Anzüge, kurz: Sie pflegen einen Lebensstil, den sie sich zu Hause in ihren eigenen Ländern kaum leisten können.

Kathrin Röggla nennt das “Kolonialismus”, Vjollca Krasniqi spricht von einer “demokratischen Besetzung” des Landes, und Jeton Neziraj erzählte bei einer Diskussionsveranstaltung hier auf der Buchmesse einen der vielen Witze, die im Kosovo über die UNO-Mission kursieren: “Was ist der Unterschied zwischen der UNMIK und der Mafia? Ganz einfach. Die Mafia ist besser organisiert.”

Der Briefwechsel ist lustig, intelligent, tiefgründig, vor allem aber spannend zu lesen, weil die drei Autoren ihre eigene Position ständig hinterfragen. Jeton Neziraj – der mittlerweile das Nationaltheater der Republik Kosovo leitet – erinnert sich daran, dass er am Anfang von Kathrin Röggla Fragen komplett genervt war: “Sie wollte einfach genau die gleichen Sachen wissen wie die ganzen NGOler, die uns seit Jahren immer wieder Fragen stellen.”

Auch eine Frage ist also immer schon Politik. Das war dann allerdings kein Problem, sondern eher ein produktives Missverständnis, an dessen Ende eine Art ethnographisches Spiegelkabinett steht: Wer sich durch den Briefwechsel arbeitet, weiß am Ende mehr über den Alltag der Einheimischen im dauerverwalteten Kosovo. Und er erfährt gleichzeitig etwas über die Menschen, die für die internationalen Organisationen arbeiten und die Spielregeln dieses Alltags festlegen.

Gestern im Kosovo, heute in Georgien, morgen im Irak und in Afghanistan.

20.03.10 | 10:53 Uhr | Unter Menschen

Prinzessin Christina II. und ihre Dichterfürsten

Das war vermutlich die kürzeste Dichterlesung  der Welt. Na, ja, auf jeden Fall die kürzeste auf dieser Buchmesse.

Punkt vier Uhr gestern Nachmittag begrüßte Moderator Hans Thill das Publikum am Kroatischen Stand in der Halle vier. Dann kamen zügig fünf Dichter und Dichterinnen nach vorne, trugen ein paar Dutzend Verse vor, auf Kroatisch versteht sich, die deutsche Übersetzung folgte, – und dann war es schon vorbei. Nicht einmal zwanzig Minuten hatte das Ganze gedauert.

Frage Nummer eins: Was war denn das?

Frage Nummer zwei: Und wer war eigentlich die junge Frau mit der goldenen Krone im Haar, die sich während der Lesung unter das Publikum gemischt hatte?

Die Antworten auf die beiden Fragen hängen tatsächlich zusammen.

Bei der jungen Frau mit der Krone im Haar handelte es sich um Christine II., die amtierende Weinprinzessin von Edenkoben, einer idyllisch gelegenen Stadt im Süden von Rheinland-Pfalz.

In Edenkoben gibt es unter anderem ein Künstlerhaus, und dort hatten sich im vergangenen Jahr Dichter und Dichterinnen aus Kroatien und Deutschland getroffen, um gemeinsam Verse aus der einen in die andere Sprache zu übersetzen. Herausgekommen ist dabei ein kleine Anthologie kroatischer Gegenwartslyrik mit dem Titel “Konzert für das Eis”.

Die schnellste Dichterlesung der Welt dieser Buchmesse war also eine Buchvorstellung, mit Branko Čegec, Gordana Benić, Tomica Bajsić, Ivana Bodrožić Simić und Zvonko Maković.

Und mit der Weinprinzessin von Edenkoben.

Der Bürgermeister von Edenkoben soll übrigens auch dagewesen sein.

20.03.10 | 10:05 Uhr | In der Pause

Traditioneller Samstag

In den Pressemitteilungen klingt das immer ganz harmlos: “Traditionell ist der Sonnabend der besucherstärkste Tag der Leipziger Buchmesse.”

In Wirklichkeit ist es natürlich der totale Wahnsinn. Die Straßenbahn war schon morgens um halb neun vollkommen überfüllt, die Gänge sind verstopft, an den Ständen stürzen die ersten Regale um.

War es letztes Jahr wirklich genauso schlimm? Die Pressemitteilung sagt: Nein. Dieses Jahr sind es noch einmal mehr Menschen. Genauer gesagt: “Ein Plus von 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr.”

20.03.10 | 09:45 Uhr | Auf dem Weg

::

19.03.10 | 22:06 Uhr | Auf dem Weg

Ein richtiger Preisträger, ein falscher Inder

Die Geschichte ist einfach zu gut. Abbas Khider stammt aus dem Irak, aber er sieht nicht aus wie ein Araber, eher wie ein Inder: viel zu dunkle Haut, viel zu braune Augen, viel zu schwarze Haare.

In seiner Heimatstadt Bagdad hat er deshalb in den achtziger Jahren ein paar Mal richtig Ärger gehabt. Wenn er in der Straßenbahn ohne Ticket erwischt wurde, landete er regelmäßig auf dem Polizeirevier, weil er für einen illegalen Einwanderer gehalten wurde. Dann musste er Fragen beantworten: Welche Kinderlieder irakische Kinder singen, solche Sachen halt. Er antwortete brav, und irgendwann ließ man ihn dann wieder nach Hause gehen.

Als junger Mann hat Abbas Khider den Irak verlassen. Jetzt war er ein wirklich ein illegaler Einwanderer. Er hat sich ein paar Jahre durchgeschlagen, in Asien, Nordafrika und Europa, und schließlich hat er sich auf den Weg nach Schweden gemacht. In Schweden, hatte er gehört, bekämen Asylbewerber, die auf die Universität gehen würden, nämlich eine finanzielle Unterstützung vom Staat. Das klang attraktiv.

Auf dem Weg in den Norden musste er auch die Grenze zwischen Österreich und Deutschland überqueren. Ein Visum hatte er natürlich nicht. Der deutsche Zoll erwischte ihn und übergab ihn der Polizei. Eigentlich wäre das kein Problem gewesen, denn damals bekamen Flüchtlinge aus dem Irak in Deutschland Asyl.

Doch die bayerische Polizei glaubte ihm kein Wort. Ein einziger Blick hatte genügt: Sie hielten Abbas Khider für einen Inder. Und Inder hatten in Deutschland noch nie Asyl bekommen.

Ein Dolmetscher wurde gerufen, außerdem ein Experte für den Irak, und wieder einmal musste Abbas Khider Fragen beantworten. Wie viele Kinos es im Stadtzentrum von Bagdad gebe, so etwas eben. Seine Antworten überzeugten den Experten, den Dolmetscher und schließlich auch die bayerische Polizei, und seitdem lebt Abbas Khider in Deutschland.

Das mit Schweden musste er sich natürlich abschminken. Wer Asyl beantragt, darf nicht reisen.

Also wurde Abbas Khider Schriftsteller. Das heißt, eigentlich war er schon länger Schriftsteller, ein Dichter nämlich. Aber seine Gedichte hatte er auf Arabisch geschrieben. Jetzt lernte er Deutsch, und in dieser Sprache schrieb er auch seinen ersten Roman. Er heißt “Der falsche Inder” und erzählt davon, wie ein junger Araber, der nicht aussieht wie ein Araber, aus dem Irak nach Deutschland kommt.

Abbas Khider ist für sein Romandebüt in diesem Jahr mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis ausgezeichnet worden – Sie erinnern sich: Der Preis wird an Schriftsteller vergeben, die auf Deutsch schreiben, obwohl sie eine andere Muttersprache haben.

Am Stand von ARTE hat Abbas Khider heute Nachmittag auf der Buchmesse viel erzählt: über sein Leben und über seinen Roman. Und warum er auf Deutsch schreibt und nicht auf Hindi Arabisch.

Es gibt einen einfachen Grund. Die Geschichte, die Abbas Khider zu erzählen hat, ist gut, aber sie hat einige wirklich schlimme Momente. Er war mehrmals im Gefängnis, zuerst im Irak, später auch anderen Ländern. Er hat immer wieder ganz unten angefangen, und er hat oft gedacht, dass er am Ende ist.

Darüber habe er in seiner Muttersprache nicht schreiben können, sagte Abbas Khider. Der Text hätte nur noch aus Schmerz und Leid und Elend bestanden. Auf Deutsch sei es einfacher gewesen, sich Distanz zu den Ereignissen zu verschaffen und zuletzt sogar einen komischen Tonfall zu finden.

Im Netz gibt es eine Leseprobe: einfach mal selbst reinlesen!

19.03.10 | 19:03 Uhr | Unter Menschen

Beton in die Maschine kippen

Das Internet steht nicht mehr hoch im Kurs, zumindest nicht im deutschen Feuilleton. Die großen Tageszeitungen überbieten sich seit einigen Monaten gegenseitig darin, ihren Lesern auch noch die letzten Illusionen über Blogs, soziale Netzwerke und vermeintlich intelligente Suchmaschinen zu nehmen.

Digitale Freiheit, das war gestern: Gerade erst wurde in der FAZ die Behauptung aufgestellt, dass der Online-Aktivismus der Demokratiebewegungen in Weißrussland, Iran oder China stark überschätzt werde.

Das Internet, könnte man also meinen, ist der letzte Ort, an dem man kritisches Denken vermuten würde.

Doch das ist die Perspektive des Westens. Im Osten Europas herrscht ein anderer Blick.

Im Forum International waren heute eine Handvoll junger Journalisten, Schriftsteller und Intellektueller aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens zu Gast, die alle durch eine Sache verbunden waren: Sie stellen Meinungen ins Netz. Und nachdem, was sie erzählt haben, ist das auch bitter nötig.

Zum Beispiel Serbien. Auch zehn Jahre nach dem Sturz von Slobodan Milošević habe es im Bereich der offiziellen Kultur keinen Neustart gegeben, erklärten Saša Ćrić und Saša Illić vom Internetportal Beton: Nationalistische und revanchistische Töne würden die offizielle Kultur des Landes dominieren.

Dagegen setzen die Macher von Beton auf lässige Theorie, politisch unkorrekte Polemik und Satire.  Ein Gute-Laune-Magazin ist das jedoch auf keinen Fall. Literaturkritik findet nur in Form von scharfen Verrissen statt, in der harmlos betitelten Rubrik “Sternchen-Boulevard” werden die Lebensläufe der serbischen Kulturprominenz auf ihre Schattenseiten überprüft, und fast jeder Text, der auf dieser Website erscheint, tut irgendwie weh.

Überzeugen konnte man sich davon anhand einer deutschen Print-Ausgabe von Beton, einer Sondernummer, die auf der Messe verteilt wurde. Man muss nur ein wenig darin blättern, um zu begreifen, dass hier – zwischen rauen Strichzeichnungen und blutroten Farbklecksen – ein vollkommen desolates Bild der serbischen Gesellschaft gezeichnet wird: von einer Gesellschaft, die erst durch den Krieg und dann durch marodierende Banden von Investoren zerstört wurde, und das unter den Augen von Politikern, die sich selbst für Demokraten halten. (Mehr auf Deutsch gibt es zu diesem Thema demnächst übrigens in einem Buch des serbischen Soziologen Todor Kuljic, Titel: “Umkämpfte Vergangenheiten”.)

In Mazedonien und auch in Bosnien und Herzogowina ist die Lage ähnlich.  Auch hier wird die offizielle Kultur in erster Linie durch die regierenden Parteien beherrscht – und auch hier macht eine jüngere Generation im Internet Druck von unten.

Und das heißt nicht: ein bisschen bloggen oder schnell mal was twittern. Das hier ist eine echte Mission. Robert Aglajozovski berichtete, wie die Autoren und Autorinnen des mazedonischen Portals Okno in Theorie-Workshops mit kritischen Denkansätzen beschäftigen, um sich von Anfang gegen die “bewusst weichgespülte Kultur” des Mainstreams zu rüsten.

Ehrlich gesagt: So ein Seminar würde ich auch ganz gerne mal besuchen.

Impressum