19.03.10 | 14:54 Uhr |
Auf dem Weg
Julia Schoch ist eine junge deutsche Schriftstellerin. Sie hat einen Erzählband und mehrere Romane geschrieben, zuletzt erschien “Mit der Geschwindigkeit des Sommers”. Jetzt hat sie einen Preis bekommen, allerdings nicht für ihre schriftstellerische Arbeit (für die sie allerdings auch schon häufig gelobt worden ist), sondern für eine Übersetzung. Julia Schoch hat Georges Hyvernauds Roman “Haut und Knochen” ins Deutsche übertragen und ist dafür in diesem Jahr mit dem André-Gide-Preis ausgezeichnet worden.
Hier auf der Messe war sie heute Morgen im Forum International zu Gast, auf Einladung der DVA-Stiftung, die nicht nur den Gide-Preis vergibt, sondern sich auch sonst mit zahlreichen Programmen um den deutsch-französischen Kulturtransfer bemüht.
Nun ist über die Arbeit des Übersetzens viel zu sagen. Man kann sich zum Beispiel über die handwerklichen Probleme unterhalten. Julia Schoch übersetzt auch die französische Krimiautorin Fred Vargas und ist dabei unter anderem einmal mit dem Problem konfrontiert worden, den für Franzosen offenbar etwas putzigen Dialekt eines Franko-Kanadiers angemessen unverständlich ins Deutsche übertragen zu müssen. Oder man kann sich eher programmatisch unterhalten. Da redet man dann über so Dinge wie “Völkerverständigung”, “Brücken bauen” oder den “interkulturellen Dialog”.
Das ist alles ganz schön und wichtig, aber natürlich hört man lieber eine persönliche Geschichte.
Und die hat Julia Schoch zu erzählen.
Julia Schoch ist 1974 geboren und wuchs in Potsdam auf. Sie ist also ein Kind der DDR. Als sie ein Teenager war, das war in den späten achtziger Jahren, hatte sie eine ziemlich romantische Vorstellung von ihrem künftigen Leben. Sie stellte sich vor, dass sie einen Franzosen kennen lernen würde, der sie heiraten würde und mit dem sie ein gemeinsames Leben in Paris führen könnte oder vielleicht auch in einem kleinen Dorf am Atlantik, egal wo, eben nur nicht in der DDR.
Also begann sie in der Schule Französisch zu lernen.
Kurz darauf fiel die Mauer, die DDR verschwand, und mit ihr löste sich auch Julia Schochs Traum von einem französischen Märchenprinzen in Luft auf. Statt dessen verbrachte sie einfach so viel Zeit in Frankreich, und irgendwann fing sie an zu übersetzen.
Das ist die Geschichte.
Sie hat sogar noch eine weitere Pointe.
Nach dem Fall der Mauer fing Julia Schochs Mutter an, sich mit der Geschichte ihrer Familie zu beschäftigen. Sie erfuhr, dass ihr Vater – Julia Schochs Großvater – während des Zweiten Weltkriegs als deutscher Soldat in Frankreich ein Kind gezeugt hatte. Julia Schochs Mutter hatte also einen französischen Halbbruder und Julia Schoch selbst einen französischen Onkel.
19.03.10 | 12:30 Uhr |
Auf dem Weg
Die Messewelt ist klein. Heute Morgen musste ich feststellen, dass Georgi Gospodinov – der bulgarische Dichter, der weiß, wie man einen Text fachgerecht filetiert – im gleichen Hotel untergebracht ist wie ich. Beim Frühstück teilten wir uns einen Tisch.
Wir plauderten, unter anderem über seinen “Natürlichen Roman”, aus dem er in ein paar Tagen in Berlin lesen wird, aber ich muss sagen, so richtig entspannt war das Frühstück nicht. Ich hatte die ganze Zeit Angst, dass Georgi Gospodinov bemerken würde, dass ich die Konsonanten auf meinem Marmeladenbrötchen mitgegessen habe.
Anscheinend gilt das unter Dichtern ja wirklich nicht als fein.
19.03.10 | 12:03 Uhr |
Auf dem Weg
Natürlich ist nicht jedes Gedicht traurig, das hier auf der Buchmesse unter der Überschrift “Südosteuropa” vorgelesen wird.
Georgi Gospodinov aus Bulgarien zum Beispiel las heute nachmittag über die “Technik zum Entgräten von Texten”. Das Gedicht beginnt so: “Der Fisch des Textes (wie auch der Text des Fisches) wird konsumiert, / nachdem das Rückgrat und die Gräten der Konsonanten entfernt worden sind.”
Wie soll das funktionieren? Ganz einfach. Gospodinov und sein deutscher Übersetzer Alexander Sitzmann demonstrieren die Technik am Beispiel eines klassischen Textes, aber es geht natürlich mit jedem Satz.
Dann wird aus…
“Natürlich ist nicht jedes Gedicht traurig, das hier auf der Buchmesse unter der Überschrift ‘Südosteuropa’ vorgelesen wird.”
…folgendes Filetstück:
” a ü i i i e e e i au i , a ie au e u e e u e e Ü e i ‘ ü o eu o a’ o e e e i .”
Man muss das laut vortragen, sonst macht es keinen Spaß: “Aüiii!!!!!”
Ach, ja, und wohin mit überflüssigen Konsonantengräten? Der Dichter rät: Werfen Sie den Abfall einfach irgendeinem Hund hin.
Sie halten das alles für Quatsch? Dann lesen Sie es doch einfach selbst nach. Steht alles im Internet. 
19.03.10 | 09:03 Uhr |
Auf dem Weg
Wer auf der Messe ist, wird beobachtet. Sogar aus der Luft. Auf dem Messeturm befindet sich in 85 Meter Höhe eine Kamera, die Videobilder ins Netz überträgt. Ich winke jetzt immer, wenn ich durch einen der verglasten Übergänge von einer Halle zur nächsten gehe.
18.03.10 | 18:51 Uhr |
Unter Menschen
Das ist schon verrückt. Radomir Mitrić ist noch nicht einmal dreißig Jahre alt, aber er schreibt Gedichte, in denen bereits alles enthalten zu sein scheint: die zarte Trauer über den Verlust der Kindheit, das zerbrechliche Glück der Erinnerung, Heimweh und Fernweh, der bittere Geschmack der Vernunft und der süße, nächtliche Trost der Literatur.
“Bosnisches Notturno” heißt das Gedicht, das er zum Ende des ersten Tages auf der Buchmesse inmitten einer kleinen Runde von Dichtern aus Südosteuropa las. Es waren wehmütige und zugleich sehr strenge Verse, die ein bisschen an Brodski und an Borges erinnerten, und um die herum Radomir Mitrić dann in einem Gespräch, das nicht einmal zehn Minuten dauerte, auch noch eine ganze Poetik entwickelte und die Dichtung zur “Mundart des Denkens” erklärte.
Es gibt einen Grund, warum die Gedichte und die Gedanken dieses jungen Mannes sich so erwachsen anhören, einen Grund, der ein Abgrund ist. Radomir Mitrić ist in Jajce aufgewachsen, einer jugoslawischen Stadt, die heute in Bosnien und Herzegowina liegt. Er war elf Jahre alt, als in seinem Heimatland der Bürgerkrieg begann, in dem 100.000 Menschen ums Leben kommen sollten. Damals, erzählte er während der Lesung auf der Messe, habe er angefangen, Gedichte zu lesen, um nicht verrückt zu werden.
Jetzt schreibt er selbst welche. 
18.03.10 | 18:02 Uhr |
Unter Menschen
Terézia Mora ist gerade erst mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet worden. Die Auszeichnung wird Jahr für Jahr an Schriftsteller verliehen, die auf Deutsch schreiben, obwohl Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Terézia Mora zum Beispiel ist in Ungarn aufgewachsen, in einem kleinen Dorf in der Nähe der österreichischen Grenze, aber 1990 ist sie als junge Frau nach Deutschland ausgewandert. Und hier hat sie auch angefangen zu schreiben.
Auf der Messe hat sie jetzt am Stand von ARTE ihren jüngsten Roman vorgestellt. “Der einzige Mann auf dem Kontinent” erzählt die Geschichte eines IT-Technikers, der den Anforderungen seines beruflichen Alltags nicht mehr gewachsen ist. Ständig verspätet er sich, er verpasst wichtig Termine, verstrickt sich in private Probleme und produziert Missverständnisse.
Terézia Mora, Jahrgang 1971, scheint dagegen selbst ziemlich gut organisiert zu sein. Ihr Tagesablauf, erklärte sie Moderatorin Lerke von Saalfeld, sei recht streng organisiert. Morgens arbeite sie an ihrem aktuellen Roman, nachmittags erledige sie Anrufe: “Und wehe, jemand ruft vor 15 Uhr bei mir an.”
Allzu sehr muss man sie um ihr aufgeräumtes Leben allerdings nicht beneiden. Terézia Mora schilderte nämlich auch die Schattenseiten ihres Berufs. Obwohl sie sich selbst so gut organisiert, braucht sie für jeden Roman – und sie hat zwei Stück geschrieben, dazu auch noch einen Erzählband – vier Jahre. Und die ersten drei Jahre sind offenbar die Hölle.
Sie recherchiere, mache sich Notizen, schreibe. Und wenn sie dann endlich an den Punkt gekommen sei, an dem sie sagen könne, dass sie “ihre Sprache” gefunden habe, erzählte Terézia Mora, dann habe sie bereits zwei- bis dreitausend Seiten gefüllt. Mit dem Roman habe sie dann aber noch lange nicht angefangen. Die eigentliche Arbeit, für die sie dann ein weiteres Jahr benötige, liege erst noch vor ihr, und all die Seiten, die sie probeweise geschrieben habe, würden im Papierkorb landen.
Das Ganze ist also ziemlich anstrengend. Oder besser gesagt: regelrecht furchteinflößend. Wenn sie am Schreibtisch sitze, sagte Terézia Mora, habe sie nämlich die meiste Zeit über panische Angst davor, dass sie das nächste Buch nicht hinbekommen werde.
Darum hat sie auch noch einen zweiten Beruf. Terézia Mora übesetzt nämlich auch. Abends, wenn alle Telefonanrufe erledigt sind. “Das entspannt mich”, erklärte sie. “Übersetzen, das ist Schreiben minus Angst.” 
18.03.10 | 14:59 Uhr |
Auf dem Weg
Man ist die Sonne vermutlich einfach nicht mehr gewohnt. Aber die Glashalle in der Mitte des Messegeländes entwickelt sich zu einem Treibhaus.