14.03.09 | 22:16 Uhr | P.S.

In der Pause

Die letzten Worte kommen vom chinesischen Dichter Xi Chuan: ”Ein Koch, der nichts zu tun hat, kehrt in sein dunkles Zimmer zurück.” 

14.03.09 | 19:51 Uhr | Abreise

Auf dem Weg

Es geht zurück nach Berlin. Abfahrt Leipzig Hauptbahnhof um 19.51 Uhr.

14.03.09 | 19:01 Uhr | ::

Auf dem Weg

14.03.09 | 17:49 Uhr | In der Soße

Unter Menschen

Das ist mein letzter Termin auf der Messe. Ich habe Glück: Artur Becker liest. Das heißt, jetzt muss man sagen, “der Chamisso-Preisträger Artur Becker”. Letzte Woche hat er in München den Preis entgegengenommen, und natürlich muss er noch einmal erzählen, wie das ist mit der “zweiten Muttersprache Deutsch”.

Artur Becker ist in Masuren geboren, die Familie seiner Mutter sprach Deutsch, sein Vater Polnisch. Mitte der achtziger Jahre kam Becker nach Deutschland, und schließlich machte er als Schriftsteller Deutsch zu seiner “Dienstsprache”. Er muss beim Schreiben übrigens auch nicht “übersetzen”. Allerdings überträgt er, wie er erzählte, immer wieder mit großem Vergnügen besonders absurde polnische Redewendungen ins Deutsche. Sein aktuelles Lieblingsbeispiel: “Nie jestem w sosie”, sagt man auf Polnische, wenn man schlechte Laune hat: “Ich bin nicht in der Soße.” 

Nach einer Stunde mit Artur Becker ist man auf jeden Fall vollkommen “w sosie”. Er findet zwar, dass es “kompletter Blödsinn” ist, auf einer Buchmesse zu lesen, weil sich hier ohnehin niemand konzentrieren kann. Aber dann reichen natürlich schon die ersten Sätze aus “Wodka und Messer”, seinem letzten Roman, und schon pegelt sich das völlig übersteuerte Samstag-Nachmittag-Hintergrundrauschen in der überfüllten Glashalle wie von selbst herunter.  Und während Artur Becker die Welt seiner Kindheit in den Masuren noch einmal auferstehen lässt, Heidekraut und Schnaps, Vater Unser, Fischerkähne und Faustschläge, schwebt im Rücken der Zuhörer eine Schar von Engeln vorbei.

Es ist eine Gruppe von Teenagern. Sie sind in geflügelten Fantasy-Kostümen zur Messe gekommen, um in Halle 2 bei den Signierstunden an den Ständen der Manga-Verlage Autogramme zu sammeln.

14.03.09 | 17:10 Uhr | Liebesromane

In der Pause

Die Jungs vom Fernsehen werden doch noch aus ihrer Katerstimmung gerissen. Eine junge Frau, die im Pressezentrum an der Getränkeausgabe arbeitet, kommt an ihren Platz im Arbeitsraum und überreicht einem von ihnen einen handgeschriebenen Zettel mit einer Telefonnummer: “Meine Kollegin findet Sie toll, traut sich aber nicht, Sie anzusprechen.” Plötzlich herrscht eine Stimmung wie auf dem Schulhof. Schließlich mischt sich sogar die ältere Dame ein, die mir am Schreibtisch gegenübersitzt und für ein Architekturmagazin arbeitet. Sie könne in diesem Fall gerne vermitteln, bietet sie an. Die Jungs vom Fernsehen nehmen das Angebot dankbar an.

14.03.09 | 15:26 Uhr | In eigener Sache

Auf dem Weg

Dann sind da natürlich noch die älteren Männer, die mit einer abgewetzten Aktentasche unter dem Arm die Stände der kleinen und mittleren Verlage besuchen, geduldig warten, bis ein Verleger oder Lektor Zeit für sie hat, um schließlich ein Manuskript aus der Tasche zu ziehen: Memoiren, Kriminalromane, Nahtod-Erfahrungen, politische Pamphlete, Lebensbeichten, Verschwörungstheorien. Es sind übrigens tatsächlich immer ältere Männer. Die ältere Frauen haben offenbar bereits herausgefunden, dass es einfacher ist, in einem Blog zu publizieren.

14.03.09 | 14:02 Uhr | Verschlungene Wege

In der Pause

Am Anfang fand ich es doch etwas merkwürdig. Die Veranstaltung sollte nur eine Stunde dauern, und die Teilnehmer waren nach der Hälfte der Zeit immer noch nicht damit fertig, sich gegenseitig vorzustellen. Doch genau das war dann richtig interessant.

Auf dem Podium – es war die Auftaktveranstaltung des Projektes “Weltlesebühne” – saßen Übersetzer, und deren Lebenswege sind manchmal ziemlich verschlungen. Sven Sellmer zum Beispiel, Jahrgang 1969, hat in Kiel Klassische Philologie und Indologie studiert. Er hat sich mit griechischer und indischer Philosophie beschäftigt, und nachdem er durch persönliche Kontakte viel Zeit in Polen verbracht hatte, fing er schließlich an der Universität Posen als Dozent am Institut für Orientalistik an. Seitdem übersetzt er nicht nur aus dem Altgriechischen und aus dem Sanskrit, sondern auch aus dem Polnischen: Das, erklärte er, sei schließlich auch eine indogermanische Sprache. Hübsch gesagt.

Im Moment arbeitet Sellmer an der Übersetzung eines Romans von Marian Pankowski, einem Autor, der in Polen lange Zeit sehr umstritten war. Pankowski wurde 1919 in Sanok geboren, studierte in Warschau und schloss sich mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs der Heimatarmee an. 1942 wurde er von der Gestapo verhaftet und kam ins KZ, zuerst nach Auschwitz, dann nach Groß-Rosen und Bergen-Belsen.

Nach dem Krieg ließ er sich in Belgien nieder und begann zu schreiben. Seine Gedichte, Romane und Theaterstücke waren durch eine ausgesprochen drastische Sprache geprägt, derb, vulgär und obszön. Heute erkennt man darin einen Reflex der grausamen Erlebnisse in den Konzentrationslagern. Doch in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg stieß Pankowski auf breite Ablehnung: sowohl im kommunistischen Polen als auch in den Kreisen der Exilliteratur. Erst in den Neunzigerjahren wurde sein Werk in seinem Heimatland neu entdeckt.

Auf Deutsch gibt es bisher anscheinend nichts von ihm zu lesen. Der Roman, den Sven Sellmer zur Zeit übersetzt, heißt “Rudolf” und erzählt die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei älteren Männern, einem polnischen KZ-Überlebenden und einem  homosexuellen Wehrmachtsoffizier. Kein Wunder, dass er damit früher Probleme hatte: “literatura wywrotowa” nennt man so etwas in Polen, “subversive Literatur”.

14.03.09 | 12:02 Uhr | ::

Auf dem Weg

14.03.09 | 11:01 Uhr | Mehr, mehr, mehr

Auf dem Weg

Gestern lief die Hurra-Meldung über die Nachrichtenagenturen. Die Buchmesse hatte bereits am Donnerstag und Freitag einen Besucherzuwachs von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. Konkret heißt das, dass heute bereits die Straßenbahn vollkommen überfüllt war, und man jetzt kaum noch durch die Gänge kommt. Angenehm ruhig ist es dagegen im Pressezentrum. Die meisten Journalisten sind bereits wieder abgereist. Und die Jungs vom Fernsehen, die gestern und vorgestern noch in Karnevalslaune waren und den gesamten Arbeitsraum unterhalten haben, wirken heute fast ein bisschen verkatert.

14.03.09 | 10:18 Uhr | Schwarze Katze, weißer Balkan

Unter Menschen

Richtig ernst konnte die Frage niemand nehmen. Der Balkan, das ist ein Ort, an dem die Menschen lange Kaffee trinken, erklärte Ana Ristović. Für den Regisseur und Schriftsteller Goran Vojnović ist es der Teil der Welt, in dem einen die Taxifahrer als Feigling verspotten, wenn man auf dem Beifahrersitz den Sicherheitsgurt anlegt, und Jovan Nikolaidis fasste es schließlich so zusammen: Ihm sei es im Grunde egal, was der Balkan ist, er lade jedoch das anwesende Publikum herzlich ein, seine Heimat Montenegro zu bereisen und dort so viele Euros wie möglich auszugeben.

Einfache Antworten gibt es nicht. Das wusste natürlich auch Alida Bremer, die gestern Abend die Balkan-Nacht  im Kino Cineding moderierte. Also erinnerte sie gleich zu Beginn der Veranstaltung an Maria Todorovas Untersuchungen über “Das Bild vom Balkan”: Die in Bulgarien geborene Historikerin, die heute in den USA lebt, hat in einer breit angelegten Studie nachgewiesen, dass “der Balkan” in erster Linie ein Bündel von Klischees und Stereotypen ist, die im späten 19. Jahrhundert in Westeuropa entstanden sind und von dort aus auf die Landkarte Südosteuropas projiziert wurden.

Das klingt erst einmal kompliziert. Dann entdeckte ich in der Pause über der Kasse des Kinos ein leicht verblichenes Plakat zu einem dieser Emir-Kusturica-Filmen aus den Neunzigerjahren. Mir fiel auf, dass meine eigene Vorstellung vom “Balkan” vermutlich maßgeblich durch “Underground” und “Schwarze Katze, weißer Kater” beeinflusst ist: ausgelassene Feiern und große Gefühle, während ringsum die Welt in Trümmern liegt.

Trotzdem gibt es natürlich nichts Schöneres, als in seinen Erwartungshaltungen bestätigt zu werden. Das Albanien vor 1989 zum Beispiel hatte ich mir immer als eine einzige, leicht irre Komödie vorgestellt,  und die Geschichte, die der albanische Dichter Arian Leka gestern erzählte, ist einfach zu gut, um sie an dieser Stelle nicht zu erwähnen.

Arian Leka wurde 1966 geboren. In jenem Jahr gab es in Albanien eine Liste mit genau drei männlichen Vornamen, die im Sinne des Dikatotors Enver Hoxha waren: “Agron”, “Gentian” und “Arian”. Arian Lekas Vater arbeitete auf einem Schiff und war zum Zeitpunkt der Geburt auf hoher See. Bei seiner Rückkehr sollte er einen der drei Namen auswählen, und Mutter, Tante und Großmutter bangten tagelang, dass er sich für “Agron” oder “Gentian” entscheiden würde, beides Namen alter, illyrischer Herrscher. Die Enttäuschung war offenbar groß, als er sich für “Arian” entschied.

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