12.03.09 | 12:48 Uhr | „Der kurze Frieden”

Unter Menschen

Die Übersetzerin Alida Bremer habe ich zum ersten Mal Mitte der neunziger Jahre getroffen. Damals fand in Münster eine Tagung mit Autoren aus dem ehemaligen Jugoslawien statt. Ich saß als freier Mitarbeiter der „Westfälischen Nachrichten“ im Publikum. Der Krieg in Bosnien und Herzegowina war gerade erst zu Ende, die Stimmung auf den Podien war angespannt. Alida Bremer selbst stammt aus Serbien, und es war ziemlich eindrucksvoll, wie es ihr gelang, Gespräche zwischen Schriftstellern zu moderieren, die sich zum Teil nicht einmal die Hand geben wollten. Über Literatur wurde dabei wenig gesprochen. In den Diskussionen, die auf die Lesungen folgten, ging es fast die ganze Zeit um Politik. 

Das alles liegt fast fünfzehn Jahre zurück. Heute Vormittag hat Alida Bremer hier in Leipzig beim Forum „Kleine Sprachen – große Literaturen“ eine Handvoll Übersetzerinnen vorgestellt, die sich mit Romanen und Erzählungen aus Kroatien, Makedonien, Serbien und anderen Ländern auf dem Balkan beschäftigen. Um Politik geht es heute nicht mehr. Jetzt wird über „Netzwerke“ gesprochen, über „Austauschprogramme“ und „Fördermittel“. Und auch die Literatur hat sich verändert. Die Texte, die die Übersetzerinnen vorstellten, handelten von Singles um die Dreißig, vom Familienalltag und von Beziehungsproblemen. Das ist die Normalität, zumindest bis die ersten Kindheitserinnerungen auftauchen. Dann ist der Krieg plötzlich wieder da. 

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