12.03.09 | 11:59 Uhr | „Lücken schließen”

Unter Menschen

Ich gebe es zu. Bei  „Prag“ und „deutsche Literatur“ denke ich als erstes „Kafka“. Lucie Černohousavá sagt, dass das den meisten so geht. Kein Problem. Für Fälle wie mich gibt es das Prager Literatur Haus, das sich auf der Messe am Stand des Tschechischen Kulturministeriums präsentiert. Frau Černohousavá nennt ein paar Namen: Rainer Maria Rilke, Franz Werfel, Egon Erwin Kisch, Jiři Gruša oder Libuše Moníková sind nur einige der Schriftsteller, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Prag gelebt und geschrieben haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat in der Tschecheslowakei dann allerdings niemand gerne über die deutschsprachige Literatur gesprochen. [Das ist das Problem der "asymmetrischen Erinnerung", Karl Schlögel hat gestern im Gewandhaus darüber gesprochen.] Das Prager Literatur Haus versucht jetzt, diese Erinnerungslücke zu schließen, und fördert darüber hinaus zeitgenössische Autoren. Ich frage nach. Frau Černohousavá erklärt mir, dass es eine ganze Reihe von jüngeren Schriftstellern gibt, die in Tschechien aufgewachsen sind und auf Deutsch schreiben. Milena Oda zum Beispiel. Sie ist Anfang dreißig, ist in Stara Paka geboren und lebt seit fünf in Berlin. Deutsch hat sie sich selbst beigebracht und schreibt jetzt „minimalistische Prosa.“ Für jemanden wie mich, der schon Probleme damit hat, ein paar gerade Sätze in seiner Muttersprache zu formulieren, ist so etwas natürlich ein kleines Wunder.

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