12.03.09 | 00:15 Uhr | „Unter Piraten”

Unter Menschen

Eigentlich hätte es der Höhepunkt des Festakts sein sollen: Karl Schlögel wurde für seine Studie „Terror und Traum. Moskau 1937“ mit dem „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ ausgezeichnet. Jens Reich hielt eine  freundschaftliche Laudatio, Schlögel selbst dankte im Gewandhaus mit klugen Worten zur „Asymmetrie“ der Erinnerung in Europa. Hände wurden geschüttelt, Blumensträuße überreicht, Fotos gemacht. 

Dann noch ein paar Takte Dvořak, und das Büffet war eröffnet. Gesprächsthema Nummer eins war jetzt allerdings nicht Karl Schlögel, sondern Gottfried Honnefelder, der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Er hatte zu Beginn des Abends eine regelrechte Brandrede gehalten. Thema war „The Pirate Bay“, eine Art Suchmaschine für Musik, Software und Filme, die im Netz zum Download angeboten werden. Die Betreiber der von Schweden aus betriebenen Website stehen unter Verdacht, die Verbreitung von Raubkopien zu fördern, und müssen sich darum zur Zeit in Stockholm vor Gericht verantworten. 

Zu Recht, erklärte Honnefelder. Er warnte davor, dass der sorglose Umgang mit dem Urheberrecht im Internet auch eine Bedrohung für den Buchmarkt darstelle. Das Wort „E-Book“ kam in seiner Rede nicht vor, aber es war klar, worauf er hinauswollte. Sony hat sein elektronisches Lesegerät PRS-505 pünktlich zur Messe in Deutschland auf den Markt gebracht, und wenn Bücher demnächst tatsächlich in Form von Dateien gehandelt werden, dann werden sie vermutlich auch als illegale Kopien bei „The Pirate Bay“ auftauchen. Für Honnefelder ist klar, dass es soweit gar nicht erst kommen dürfe: Die Politiker „in Deutschland, Europa und der ganzen Welt“, forderte er, müssten endlich etwas für den Schutz des geistigen Eigentums tun. 

Ein wenig sonderbar ist das schon. Offenbar hat die Buchbranche nichts aus dem Desaster der Musikindustrie gelernt. Anstatt neue Geschäftsmodelle für das digitale Zeitalter zu entwickeln, würde sie die Zukunft am liebsten gesetzlich verbieten lassen.      

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