13.03.09 | 15:07 Uhr | „Kampf der Synonyme”

Unter Menschen

Über den Zusammenhang von Politik und Sprache auf dem Balkan ist in den vergangenen zwanzig Jahren oft gesprochen worden. Seit dem Zerfall Jugoslawiens stehen Kroatisch, Serbisch und Bosnisch in scharfer Konkurrenz zueinander, und das, obwohl sie sich eigentlich recht ähnlich sind.

Am kompliziertesten ist die Situation vermutlich in Bosnien und Herzegowina. Dort gelten alle drei Sprachen als Amtssprachen. Jede von ihnen ist allerdings eng mit einer bestimmten religiösen und ethnischen Gruppierung verbunden. Die Muslime sprechen Bosnisch beziehungsweise „Bosniakisch“, wie der politisch korrekte Ausdruck lautet, Serbisch wird von orthodoxen Christen gesprochen, Kroatisch von Katholiken.

Die Gräben zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen sind bis heute tief. Das hat auch einige ganz praktische Probleme zur Folge. Hana Stojić, eine Übersetzerin aus Sarajewo, erklärte heute morgen bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Sprachpolitik“, dass ihr mittlerweile die Synonyme ausgingen. Für das Wort „Woche“ gibt es zum Beispiel drei verschiedene Wörter, die von jedem Menschen in Bosnien und Herzegowina verstanden werden. Trotzdem kann man sie in einem Text nicht einfach gegeneinander austauschen, denn an jeder Variante hängt eine ganze Weltanschauung: ein Wort, und man legt sich fest in einem jahrhundertealten Konflikt, der in den Neunzigerjahren in einem Bürgerkrieg geendet ist. 

Das Gespräch auf dem Podium war trotzdem vollkommen entspannt. Die Übersetzer und Verleger kamen zwar aus unterschiedlichen Staaten auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens, aber mit Anfang, Mitte dreißig waren sie offenbar jung genug, um sich über die ideologischen Differenzen nicht allzu viele Gedanken machen zu müssen. Sie erzählten eher von praktischen Problemen. So ist es zum Beispiel ziemlich schwierig, ein Buch, das in Serbien erschienen ist, in Kroatien zu kaufen. Hier ist nicht die Sprache das Problem, sondern die Bürokratie: Wer sich auf das Abenteuer einer Bestellung einlässt, muss etwa vier Wochen warten, bis er beliefert wird – falls es überhaupt klappt, und das Päckchen nicht einfach im Zoll hängenbleibt. Aber auch das ist natürlich Politik.

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