14.03.09 | 17:49 Uhr | „In der Soße”

Unter Menschen

Das ist mein letzter Termin auf der Messe. Ich habe Glück: Artur Becker liest. Das heißt, jetzt muss man sagen, “der Chamisso-Preisträger Artur Becker”. Letzte Woche hat er in München den Preis entgegengenommen, und natürlich muss er noch einmal erzählen, wie das ist mit der “zweiten Muttersprache Deutsch”.

Artur Becker ist in Masuren geboren, die Familie seiner Mutter sprach Deutsch, sein Vater Polnisch. Mitte der achtziger Jahre kam Becker nach Deutschland, und schließlich machte er als Schriftsteller Deutsch zu seiner “Dienstsprache”. Er muss beim Schreiben übrigens auch nicht “übersetzen”. Allerdings überträgt er, wie er erzählte, immer wieder mit großem Vergnügen besonders absurde polnische Redewendungen ins Deutsche. Sein aktuelles Lieblingsbeispiel: “Nie jestem w sosie”, sagt man auf Polnische, wenn man schlechte Laune hat: “Ich bin nicht in der Soße.” 

Nach einer Stunde mit Artur Becker ist man auf jeden Fall vollkommen “w sosie”. Er findet zwar, dass es “kompletter Blödsinn” ist, auf einer Buchmesse zu lesen, weil sich hier ohnehin niemand konzentrieren kann. Aber dann reichen natürlich schon die ersten Sätze aus “Wodka und Messer”, seinem letzten Roman, und schon pegelt sich das völlig übersteuerte Samstag-Nachmittag-Hintergrundrauschen in der überfüllten Glashalle wie von selbst herunter.  Und während Artur Becker die Welt seiner Kindheit in den Masuren noch einmal auferstehen lässt, Heidekraut und Schnaps, Vater Unser, Fischerkähne und Faustschläge, schwebt im Rücken der Zuhörer eine Schar von Engeln vorbei.

Es ist eine Gruppe von Teenagern. Sie sind in geflügelten Fantasy-Kostümen zur Messe gekommen, um in Halle 2 bei den Signierstunden an den Ständen der Manga-Verlage Autogramme zu sammeln.

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