14.03.09 | 10:18 Uhr | „Schwarze Katze, weißer Balkan”

Unter Menschen

Richtig ernst konnte die Frage niemand nehmen. Der Balkan, das ist ein Ort, an dem die Menschen lange Kaffee trinken, erklärte Ana Ristović. Für den Regisseur und Schriftsteller Goran Vojnović ist es der Teil der Welt, in dem einen die Taxifahrer als Feigling verspotten, wenn man auf dem Beifahrersitz den Sicherheitsgurt anlegt, und Jovan Nikolaidis fasste es schließlich so zusammen: Ihm sei es im Grunde egal, was der Balkan ist, er lade jedoch das anwesende Publikum herzlich ein, seine Heimat Montenegro zu bereisen und dort so viele Euros wie möglich auszugeben.

Einfache Antworten gibt es nicht. Das wusste natürlich auch Alida Bremer, die gestern Abend die Balkan-Nacht  im Kino Cineding moderierte. Also erinnerte sie gleich zu Beginn der Veranstaltung an Maria Todorovas Untersuchungen über “Das Bild vom Balkan”: Die in Bulgarien geborene Historikerin, die heute in den USA lebt, hat in einer breit angelegten Studie nachgewiesen, dass “der Balkan” in erster Linie ein Bündel von Klischees und Stereotypen ist, die im späten 19. Jahrhundert in Westeuropa entstanden sind und von dort aus auf die Landkarte Südosteuropas projiziert wurden.

Das klingt erst einmal kompliziert. Dann entdeckte ich in der Pause über der Kasse des Kinos ein leicht verblichenes Plakat zu einem dieser Emir-Kusturica-Filmen aus den Neunzigerjahren. Mir fiel auf, dass meine eigene Vorstellung vom “Balkan” vermutlich maßgeblich durch “Underground” und “Schwarze Katze, weißer Kater” beeinflusst ist: ausgelassene Feiern und große Gefühle, während ringsum die Welt in Trümmern liegt.

Trotzdem gibt es natürlich nichts Schöneres, als in seinen Erwartungshaltungen bestätigt zu werden. Das Albanien vor 1989 zum Beispiel hatte ich mir immer als eine einzige, leicht irre Komödie vorgestellt,  und die Geschichte, die der albanische Dichter Arian Leka gestern erzählte, ist einfach zu gut, um sie an dieser Stelle nicht zu erwähnen.

Arian Leka wurde 1966 geboren. In jenem Jahr gab es in Albanien eine Liste mit genau drei männlichen Vornamen, die im Sinne des Dikatotors Enver Hoxha waren: “Agron”, “Gentian” und “Arian”. Arian Lekas Vater arbeitete auf einem Schiff und war zum Zeitpunkt der Geburt auf hoher See. Bei seiner Rückkehr sollte er einen der drei Namen auswählen, und Mutter, Tante und Großmutter bangten tagelang, dass er sich für “Agron” oder “Gentian” entscheiden würde, beides Namen alter, illyrischer Herrscher. Die Enttäuschung war offenbar groß, als er sich für “Arian” entschied.

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