14.03.09 | 14:02 Uhr | „Verschlungene Wege”

In der Pause

Am Anfang fand ich es doch etwas merkwürdig. Die Veranstaltung sollte nur eine Stunde dauern, und die Teilnehmer waren nach der Hälfte der Zeit immer noch nicht damit fertig, sich gegenseitig vorzustellen. Doch genau das war dann richtig interessant.

Auf dem Podium – es war die Auftaktveranstaltung des Projektes “Weltlesebühne” – saßen Übersetzer, und deren Lebenswege sind manchmal ziemlich verschlungen. Sven Sellmer zum Beispiel, Jahrgang 1969, hat in Kiel Klassische Philologie und Indologie studiert. Er hat sich mit griechischer und indischer Philosophie beschäftigt, und nachdem er durch persönliche Kontakte viel Zeit in Polen verbracht hatte, fing er schließlich an der Universität Posen als Dozent am Institut für Orientalistik an. Seitdem übersetzt er nicht nur aus dem Altgriechischen und aus dem Sanskrit, sondern auch aus dem Polnischen: Das, erklärte er, sei schließlich auch eine indogermanische Sprache. Hübsch gesagt.

Im Moment arbeitet Sellmer an der Übersetzung eines Romans von Marian Pankowski, einem Autor, der in Polen lange Zeit sehr umstritten war. Pankowski wurde 1919 in Sanok geboren, studierte in Warschau und schloss sich mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs der Heimatarmee an. 1942 wurde er von der Gestapo verhaftet und kam ins KZ, zuerst nach Auschwitz, dann nach Groß-Rosen und Bergen-Belsen.

Nach dem Krieg ließ er sich in Belgien nieder und begann zu schreiben. Seine Gedichte, Romane und Theaterstücke waren durch eine ausgesprochen drastische Sprache geprägt, derb, vulgär und obszön. Heute erkennt man darin einen Reflex der grausamen Erlebnisse in den Konzentrationslagern. Doch in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg stieß Pankowski auf breite Ablehnung: sowohl im kommunistischen Polen als auch in den Kreisen der Exilliteratur. Erst in den Neunzigerjahren wurde sein Werk in seinem Heimatland neu entdeckt.

Auf Deutsch gibt es bisher anscheinend nichts von ihm zu lesen. Der Roman, den Sven Sellmer zur Zeit übersetzt, heißt “Rudolf” und erzählt die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei älteren Männern, einem polnischen KZ-Überlebenden und einem  homosexuellen Wehrmachtsoffizier. Kein Wunder, dass er damit früher Probleme hatte: “literatura wywrotowa” nennt man so etwas in Polen, “subversive Literatur”.

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