12.03.09 | 21:19 Uhr | Schmetterlinge auf der Windschutzscheibe
In der Pause
Der Höhepunkt des Tages war auf jeden Fall die Stunde mit Xi Chuan. Der Mann ist mein ganz persönlicher Favorit für den Sympathiepreis der Leipziger Buchmesse. Auf seine höfliche Dolmetscherin war ich ja schon heute Nachmittag kurz eingegangen. Xi Chuan stand ihr in nichts nach. Zum Beispiel sprach ihn die Moderatorin auf die lange Tradition der chinesischen Lyrik an, die zwischen 1200 und 600 vor Christi ihren ersten Höhepunkt erreicht hatte, also lange bevor überhaupt die ersten Verse in deutscher Sprache geschrieben wurden. Das dürfe man nicht so ernst nehmen, tröstete Xi Chuan die Moderatorin: Die frühe chinesische Dichtung sei eine reine Ausdruckslyrik, die deutschsprachige Literatur habe dagegen doch gleich zu Beginn große Epen hervorgebracht!
Man konnte trotzdem einiges über die chinesische Kultur lernen. Xi Chuan, Jahrgang 1963, erklärte, wie die moderne Lyrik seines Heimatlandes zu Zeiten der Kulturrevolution entstanden sei. Aus Angst vor der Zensur hatten Dichter in kleinen, abgeschlossenen Zirkeln Werke geschaffen, die in einer Art poetischen Geheimsprache verfasst waren, mit Bildern, die später, als sie in die Außenwelt drangen, für die meisten Leser vollkommen unverständlich waren. „Obskure Lyrik“ nennt man diese Phase. Xi Chuan hatte sogar ein recht anschauliches Beispiel mitgebracht. Gemeinsam mit dem Übersetzer Marc Herrmann trug er einige herbstlich gestimmte Zeilen seines älteren Kollegen Ha Dong vor. Das Thema des Gedichts, sagte er, sei angeblich der Marxismus, und das, obwohl kein einziges Wort im Text darauf hindeute. Soviel zur obskuren Lyrik.
Xi Chuan selbst begann als „postobskurer Dichter“. In seinen jungen Jahren habe er sich sehr bemüht, ausdrucksstarke und formvollendete Gedichte zu schreiben, erklärte er. Heute strenge er sich allerdings längst nicht mehr so an. Mittlerweile sei er mehr an einer ganz alltäglichen Sprache interessiert und verstehe sich eigentlich nur noch als Amateur. Das könne nicht sein, unterbrach ihn die Moderatorin etwas erschrocken, schließlich gelte er in China doch als ausgesprochen bekannter Dichter. Vielleicht könne er einfach ein paar Zeilen lesen? Xi Chuan trug daraufhin ein Gedicht über Schmetterlinge vor, die eine Schnellstraße überqueren und an der Windschutzscheibe eines fahrenden Auto zu Tode kommen. Dann lächelte er bescheiden und sagte: „Das klang doch jetzt sehr modern, oder?“
12.03.09 | 18:23 Uhr | Instrumentelle Vernunft
In der Pause
Die Piraten-Jagd geht weiter. Börsenvereins-Vorsteher Gottfried Honnefelder hatte ja bereits am Mittwoch bei der Eröffnung der Buchmesse Stimmung für härtere Gesetze gegen Raubkopierer gemacht. Bei der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse versprach Staatsminister Bernd Neumann jetzt mit Blick auf das E-Book, dass die deutsche Regierung in Zukunft ordentlich was tun will für den Schutz von Urheberrechten im Internet. Mir fiel bei der Gelegenheit ein, dass ich bereits eine illegale Kopie der “Dialektik der Aufklärung” besitze. Das Buch stammt aus dem Regal meines Vaters. Ende der Sechziger kursierten unter den Studenten zahlreiche Raubdrucke von Horkheimer und Adorno, einfach, weil es damals keine offizielle deutsche Ausgabe gab. Ich sollte allerdings wohl besser nicht versuchen, den Text zu scannen und ins Netz zu stellen. Mit “Adorno online” kann man sich nämlich schon jetzt eine Menge juristischen Ärger einhandeln. Es ist trotzdem ein charmanter Gedanke, auf einem Sony- oder Amazon-Kindle-Reader etwas über “instrumentelle Vernunft” zu lesen und über die “rätselhafte Bereitschaft der technologisch erzogenen Massen”, am Scheitern der Aufklärung mitzuwirken.
12.03.09 | 17:50 Uhr | Viertelgeviert
Unter Menschen
Heute Morgen ging es an dieser Stelle ja schon um Schriftsteller, die auf Deutsch schreiben, obwohl sie nicht aus einem deutschsprachigen Land stammen. Jahr für Jahr werden drei von ihnen mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet, und natürlich sind die aktuellen Preisträger auch nach Leipzig gekommen. María Cecilia Barbetta – sie hat den Förderpreis bekommen – hat heute auf der Messe aus ihrem Roman “Änderungsschneiderei Los Milagros” gelesen. Sie ist in Argentinien aufgewachsen, hat dort allerdings einen deutschen Kindergarten und eine deutsche Schule besucht, und nachdem sie dann auch noch Germanistik studiert hat, beherrscht sie die fremde Sprache heute besser als die meisten Deutschen es selbst tun. Im Jahr 2005, erzählte sie, entdeckte sie in Berlin das Schild einer Schneiderei, auf dem ”Änderung von Damen, Kinder- und Herrenbekleidung” angezeigt wurden. Der fehlende Bindestrich fiel María Cecilia Barbetta sofort auf. Dann überlegte sie, wie es wäre, wenn man tatsächlich eine “Dame” ändern lassen könnte. Damit war die Idee zu ihrem Roman geboren: die Geschichte einer Änderungsschneiderei in Buenos Aires und einer Frau, die im Laufe der Erzählungen in immer neuen Rollen auftritt.
Wer mehr über den Bindestrich beziehungsweise den Viertelgeviertstrich wissen will, der muss hier weiterlesen. Mir ist es zu kompliziert.
12.03.09 | 16:49 Uhr | Hauptgewinn
Auf dem Weg
Jetzt ist es heraus: Sibylle Lewitscharoff hat den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik bekommen. Mehr hier.
12.03.09 | 15:27 Uhr | Pump up the Volume
Auf dem Weg
Gerade versucht, auf der Messe zu telefonieren. Keine Chance. Literatur ist einfach zu laut. Egal. In einer halben Stunde ist Preisverleihung.
12.03.09 | 14:55 Uhr | Chinesische Höflichkeit
In der Pause
Chinesen sind ausgesprochen höfliche Menschen. Der Lyriker Xi Chuan war am Stand von ARTE zu Gast, zusammen mit einer Dolmetscherin. Die Moderatorin erkundigte sich nach dem 1989 verstorbenen chinesischen Dichter Hai Zi, dessen Nachlass Xi Chuan herausgegeben hat. Die Dolmetscherin zögerte, blickte irritiert ins Publikum und erkundigte sich schließlich vorsichtig noch einmal, von wem die Rede sei. Offenbar wird “Hai Zi” keineswegs so ausgesprochen, wie man es aufgrund der Umschrift seines Namens hätte vermuten können. Damit nicht der Eindruck entstand, sie würde die Moderatorin verbessern, verzichtete die Dolmetscherin im Folgenden darauf, Hai Zis Namen noch einmal zu erwähnen. Statt dessen benutzte sie die Formulierung: “Der Dichter, den Sie vorhin in ihrer Frage erwähnten”.
12.03.09 | 12:48 Uhr | Der kurze Frieden
Unter Menschen
Die Übersetzerin Alida Bremer habe ich zum ersten Mal Mitte der neunziger Jahre getroffen. Damals fand in Münster eine Tagung mit Autoren aus dem ehemaligen Jugoslawien statt. Ich saß als freier Mitarbeiter der „Westfälischen Nachrichten“ im Publikum. Der Krieg in Bosnien und Herzegowina war gerade erst zu Ende, die Stimmung auf den Podien war angespannt. Alida Bremer selbst stammt aus Serbien, und es war ziemlich eindrucksvoll, wie es ihr gelang, Gespräche zwischen Schriftstellern zu moderieren, die sich zum Teil nicht einmal die Hand geben wollten. Über Literatur wurde dabei wenig gesprochen. In den Diskussionen, die auf die Lesungen folgten, ging es fast die ganze Zeit um Politik.
Das alles liegt fast fünfzehn Jahre zurück. Heute Vormittag hat Alida Bremer hier in Leipzig beim Forum „Kleine Sprachen – große Literaturen“ eine Handvoll Übersetzerinnen vorgestellt, die sich mit Romanen und Erzählungen aus Kroatien, Makedonien, Serbien und anderen Ländern auf dem Balkan beschäftigen. Um Politik geht es heute nicht mehr. Jetzt wird über „Netzwerke“ gesprochen, über „Austauschprogramme“ und „Fördermittel“. Und auch die Literatur hat sich verändert. Die Texte, die die Übersetzerinnen vorstellten, handelten von Singles um die Dreißig, vom Familienalltag und von Beziehungsproblemen. Das ist die Normalität, zumindest bis die ersten Kindheitserinnerungen auftauchen. Dann ist der Krieg plötzlich wieder da.
12.03.09 | 11:59 Uhr | Lücken schließen
Unter Menschen
Ich gebe es zu. Bei „Prag“ und „deutsche Literatur“ denke ich als erstes „Kafka“. Lucie Černohousavá sagt, dass das den meisten so geht. Kein Problem. Für Fälle wie mich gibt es das Prager Literatur Haus, das sich auf der Messe am Stand des Tschechischen Kulturministeriums präsentiert. Frau Černohousavá nennt ein paar Namen: Rainer Maria Rilke, Franz Werfel, Egon Erwin Kisch, Jiři Gruša oder Libuše Moníková sind nur einige der Schriftsteller, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Prag gelebt und geschrieben haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat in der Tschecheslowakei dann allerdings niemand gerne über die deutschsprachige Literatur gesprochen. [Das ist das Problem der "asymmetrischen Erinnerung", Karl Schlögel hat gestern im Gewandhaus darüber gesprochen.] Das Prager Literatur Haus versucht jetzt, diese Erinnerungslücke zu schließen, und fördert darüber hinaus zeitgenössische Autoren. Ich frage nach. Frau Černohousavá erklärt mir, dass es eine ganze Reihe von jüngeren Schriftstellern gibt, die in Tschechien aufgewachsen sind und auf Deutsch schreiben. Milena Oda zum Beispiel. Sie ist Anfang dreißig, ist in Stara Paka geboren und lebt seit fünf in Berlin. Deutsch hat sie sich selbst beigebracht und schreibt jetzt „minimalistische Prosa.“ Für jemanden wie mich, der schon Probleme damit hat, ein paar gerade Sätze in seiner Muttersprache zu formulieren, ist so etwas natürlich ein kleines Wunder.